Apr 182015
 

Ich habe früher immer sehr gerne Deutschlandradio gehört. Primär beim Autofahren. Ich höre es zwar nach wie vor, aber von „gern“ kann eigentlich keine Rede mehr sein. Anstelle von Nachrichten und gut recherchierten Reportagen steht seit Beginn der Ukrainekrise immer häufiger billige Propaganda auf dem Programmplan. Um das zu belegen, habe ich ein Transkript des Beitrags von Sabine Adler vom 17.04.2015, Sendezeit 07:48 Uhr angefertigt. Der Titel der knapp 7-minütigen Sendung war „Die russische Opposition – Ein Imitat“.

Im folgenden findet ihr kursiv geschrieben die Transkription, dazwischen in Normalschrift ein paar Kommentare von mir, die dem Beitrag zweifellos gut getan hätten. Ohnehin ist es deutlich einfacher, im Radio Unfug zu erzählen, weil der Zuhörer kaum Zeit zur Reflektion, sowie keine Möglichkeit zum pausieren hat und Hintergrundinfos in Form von Links nicht angeboten werden können.


(Traurige russische Musik)

Die Absetzung des Theaterintendanten von Nowosibirsk wegen der angeblich gotteslästerlichen Inszenierung der Wagneroper Tannhäuser war verschmerzbar, verglichen mit dem Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Doch beide Ereignisse innerhalb eines Monats wurden von der russischen Öffentlichkeit als das verstanden, als das sie gemeint waren: Niemand wage zu widersprechen.

Zum Tannhäuser in Nowosibirsk habe ich nun nichts gefunden. Ich wäre auch nicht bereit, mich mehr darüber zu echauffieren, als man dies beim Deutschlandradio zum Thema Valentina Lisita tat. Nie von gehört? Nun, der bekannten ukrainischen Pianistin hat man in Toronto ein Auftrittsverbot erteilt, weil sie sich kritisch zur derzeitigen Lage in der Ukraine äußerte. Toronto liegt jedoch dummerweise nicht in Russland, weswegen Verstöße gegen die Freiheit der Kunst dort vom Standpunkt des Deutschlandradios aus irrelevant sind.

Tja und der Nemzow. Oppositionspolitker ist hier ein schöner Euphemismus. Wenigstens wird er hier nicht gleich zum Oppositionsführer erklärt, das haben einige unserer deutschen Qualitätsmedien nämlich auch schon geschafft, [1] [2] und das obwohl seine politische Karriere bereits 1998 endete, als er in Folge der russischen Finanzkrise seinen Stuhl als Vizeministerpräsident räumen mußte. Spätestens ab 2008 hatten die westlich orientierten Reformer im Zuge der internationalen Finanzkrise dann endgültig das Vertrauen der Bevölkerung verspielt – ein Umstand von dem Putin bis heute maßgeblich profitiert. Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass Nemzows Union der Rechten Kräfte bei den Wahlen 2003 an der 5-Prozent-Hürde scheiterte. Sie und die Nachfolgeorganisation Rechte Sache sind seitdem quasi bedeutungslos.

Man überlege nun selbst, wie sinnvoll ein politisch motivierter Mord an einer derart unwichtigen Person wie Nemzow wohl sein kann. Man bedenke auch, wo Nemzow ermordet wurde, nämlich auf der Moskworezkij-Brücke quasi direkt vor dem Kreml. Das dort überhaupt ein Mord geschehen konnte, ist ziemlich peinlich für diesen. Und dann ziehe man noch in Erwägung, dass die Ausschlachtung des Mordes an Nemzow nachgewiesenermaßen immense Propagandamöglichkeiten bot und bietet – zur Diskreditierung von Putin.

Ich selbst hätte arge Probleme damit, den Tannhäuser in Nowosibirsk und den Mord an einem unbedeutenden Oppositionellen unter einen Hut zu bringen. Sabine Adler nicht. Für sie, das Deutschlandradio und die russische Öffentlichkeit ist sonnenklar, dass das ein Maulkorb sein muss. Wer widerspricht wird abgesetzt oder an der Kreml-Mauer im Auftrag Putins erschossen. Logisch.

Aber wenn das Deutschlandradio tatsächlich mal über Morde an Oppositionellen und kritischen (bzw. prorussischen) Journalisten berichten will, wie wäre es dann mit Oleh Kalaschnikow und Oles Buzyna? Nur sind die dummerweise nicht in Moskau, sondern in der Ukraine gemeuchelt worden. Und sie waren bei weiten auch nicht die Einzigen. Oder wie wärs mit Sergey Sukhobok? Und wir hätten auch noch die Selbstmordserie im politischen Umfeld von Janukowitsch. [2]

Dem Oppositionspolitiker ein Denkmal setzen? Der Enthusiasmus hält sich in Grenzen.

Kann ich absolut nachvollziehen. Nemzow stand unter anderen für eine desaströse Reformpolitik. Er wurde für diese zwar ausgiebig vom Westen gelobt, aber das Ergebnis war eine zunehmende Verelendung der Bevölkerung.

(Russischer Mann auf Russisch)

Es macht keinen Sinn etwas umzubenennen, weil jemand ermordet wurde. Jeden Tag sterben Leute. Sollen wir deshalb alles umbenennen, fragt ein Mann Mitte 40 direkt auf der Kreml-Brücke, dem Tatort. Einen anderen ist es egal, wo das Denkmal stehen wird, Hauptsache es kommt. Ein Dritter zuckt die Schultern. Er muss kein Nemzow-Denkmal haben, sollen die es errichten, die ihn schätzen.

Die Grand Dame der russischen Oppostion, Ljudmila Alexejewa fühlt sich in alte Zeiten zurückversetzt. 1968 wagte sie mit 6 weiteren Mitstreitern den ersten Protest auf dem roten Platz gegen den Einmarsch der roten Armee in die Tschechoslowakei. Das Russland heute, findet sie, macht es Andersdenkenden keinesfalls leichter.

Die Aussage ist grundsätzlich erst einmal richtig.

(Russische Oma, vermutlich besagte Ljudmila Alexejewa, auf Russisch)

Übersetzung Deutschlandradio: Damals hat sich auch keiner an Gesetze gehalten. Der KGB und andere staatliche Einrichtungen haben sich interne Regeln gegeben, die wir kannten, weil wir oft genug mit ihnen in Konflikt gerieten. Wenn sie jemanden vor Gericht bringen wollten, galt, dass es mindestens 3 Zeugen geben mußte, die einen Vorwurf bestätigten. Heute wird man verurteilt für etwas, was sich jemand komplett ausgedacht hat.

Soll das eine neue Version von „Früher war alles besser“ sein? Aber sollte man dann nicht vielleicht auch ein paar Belege bringen, wenn man behauptet, dass Leute für reine Phantastereien verurteilt werden? Das würde ja schließlich bedeuten, dass die russische Justiz genauso inkompetent wie die bayrische im Fall Mollath sei.

(Gemurmel)

Die Moskauer Helsinki-Gruppe, die Ljudmila Alexejewa vor Jahrzehnten gründete, war radikal, weil wirklich im Widerstand, sagt der Moskauer Politikprofessor Emil Pain. Unter Moskauer Intellektuellen macht ein Wort die Runde: Imitation. Opposition, Pressefreiheit, Referenden wie das auf der Krim – nichts sei echt, alles imitiert.

Spannend. Aber wenn Nemzow, wo ich durchaus mitgehe, nur ein Oppositionellen-Imitat war, warum sollte Putin ihn dann an der Kreml-Mauer erschießen lassen? Das ergibt nicht wirklich Sinn, oder? Und wie bitte will man ein Referendum imitieren? Waren die Leute, die abgestimmt haben, etwa nur von Putin bezahlte Schauspieler? Aber gut, im Deutschlandradio reicht es ja auch aus, irgendeinen Schmarrn zu behaupten, kritisch hinterfragt wurde dort schon lange nichts mehr.

Aber verweilen wir ruhig ein paar Zeilen lang beim Krim-Referendum. In den deutschen Nachrichten wurde das Progrom von Korsun, das diesem vorausging, komplett unterschlagen. Stattgefunden hat es definitiv, aber ob es dabei nun tatsächlich zu Todesfällen und Verschleppungen kam, ist nicht sicher zu beantworten. (In Anbetracht der Vorfälle beim späteren Massaker von Odessa [2] wäre es aber absolut denkbar.) Es hat jedoch in Verbindung mit der russischen Bevölkerungsmehrheit auf der Krim und den Handlungen der Putschisten in Kiew massiv zu einer antiukrainischen Stimmung auf der Halbinsel beigetragen. Das hier tatsächlich eine Mehrheit für die Abspaltung stimmte, ist völlig nachvollziehbar. Dieses Meinungsbild wurde auch durch eine unabhängige Studie des Pew-Forschungsinstitus bestätigt, nach der 88% der Krimbewohner die Separation samt Anschluss an Russland befürworteten.

(Russischer Mann, vermutlich besagter Emil Pain auf Russisch)

Übersetzung Deutschlandradio:  Heute ist alles komplizierter und gerissener, es gibt ein anscheinend großes politisches Betätigungsfeld und einige angeblich freie Medien. Radio Echo Moskau zum Beispiel, sogar ein amerikanisches Wissenschaftszentrum, das KANIK (?). Alle wissen, dass sie, um zu überleben, loyaler, nachgiebiger sein müssen, und genau das tötet wahre Opposition. Dieses weiche Kissen erstickt das Dissidententum.

Mag stimmen. Allerdings sind echte Menschenrechtler auch im Westen nur dann gern gesehen, wenn sie die von ihnen gefundenen Menschenrechtsverletzungen leise und vorzugsweise andernorts anprangern. Aber gut, prinzipiell ist die Kritik von Emil Pain berechtigt.

(Traurige russische Musik)

Opposition sei nützlich, hat Präsident Putin gestern während des über viereinhalbstündigen Fernsehmarathons versichert. Zur gleichen Zeit führte die Polizei eine Razzia bei Open Russia durch, eine Organisation die der 10 Jahre inhaftierte und 2013 begnadigte Michail Chodorkowski gegründet hat. Chodorkowski hatte vor wenigen Tagen Putin scharf angegriffen, aus sicherer Entfernung, aus dem Ausland.

Versucht das Deutschlandradio uns jetzt allen Ernstes Chodorkowski und seine Lakaien als Menschenrechtler und Systemkritiker zu präsentieren? Holla, liebe Sabine, was hast du denn bitte geraucht? Der reichste Verbrecher Russlands, der von sich selbst sagte, dass er nicht nur Parlamente, sondern auch Wahlergebnisse kaufen könne, wird nun zum lupenreinen Demokraten? Hier mal eine alternative Schilderung seines Werdegangs, die die schmutzigeren Stellen nicht unter den Teppich fallen läßt. [2]

(Genuschel von Chodorkowski)

Um das jetzige Machtsystem zu rechtfertigen, braucht es einen Krieg. Die inneren Feinde in Gestalt der unabhängigen Unternehmer sind vernichtet, sagte Chodorkowski bei einen Vortrag an der Universität Stanford. Und um die russischen Massen jetzt hinter die Kleptokratie zu versammeln, braucht es einen äußeren Feind.

Zugegeben, wenn einer was von Kleptokratie versteht, dann Chodorkowski. Allerdings ist der Mann nicht unbedingt für seine Wahrheitsliebe und Unvoreingenommenheit bekannt. Grundsätzlich ist die Beschwörung von realen oder eingebildeten äußeren Feinden jedoch eine Supergelegenheit, um der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen und von realen Problemen abzulenken. Das gilt allerdings nicht nur in Russland.

Auch die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa erfährt immer wieder neu, das russische System legt den Aktivisten Steine in den Weg, wo immer es geht. Dennoch könne auch Putin das Rad nicht komplett zurückdrehen.

(Russische Oma, vermutlich besagte Ljudmila Alexejewa, auf Russisch)

Übersetzung Deutschlandradio: Verhältnisse wie zu Sowjetzeiten sind nicht möglich. Früher gab es kein Privateigentum, und die Leute können heute reisen. Als wir 1976 die Helsinki-Gruppe gründeten, hat uns der KGB gewarnt, dass wir uns verfassungsfeindlich verhalten. Das stimmte, denn damals mußten einer gesellschaftlichen Organisation mindestens 3 Mitglieder der KPdSU angehören.

Ein kleiner Einwurf sei hier gestattet: Privateigentum gab es auch zu Sowjetzeiten, was es nicht gab, war Privateigentum an Produktionsmitteln, also an Betrieben.

Was bei ihrer Helsinki-Gruppe nicht der Fall war. Die Untergrundorganisation war viele Jahre die einzige Oppositionsbewegung in der ganzen Sowjetunion.

(Traurige, russische Musik im Hintergrund)

Die heute 87-Jährige macht sich auf einen baldigen Wandel keine Hoffnungen. Anders als sein Vorgänger Jelzin gebe Putin keine Fehler zu. Somit sei kein Kurswechsel zu erwarten.

Der Alkohol-Bär Jelzin hat Fehler zugegeben? Wann denn bitte? Hat er auf einer Party mal aus Versehen die Mineralwasserflasche anstelle des Wodkas erwischt? Dank ihm konnten Gestalten wie Chodorkowski erst zu superreichen Oligarchen werden. Dafür hatte er sogar gegen das eigene Parlament geputscht, was allerdings hier im Westen und wohl auch beim Deutschlandradio keine Sau interessiert hat. Die neoliberalen Reformen, die Jelzin dank seines Putsches durchsetzen konnte, führten zur Verschleuderung der russischen Großkonzerne an einige wenige Oligarchen in einem mehr als nur nebulösen Auktionsverfahren auf Einladung.

 (Russischer Mann, vermutlich Putin, auf Russisch)

Die Versuche westlicher Geheimdienste für ihre Ziele nicht-Regierungsorganisationen und politische Vereinigungen zu benutzen, haben nicht aufgehört, sagte Putin kürzlich vor Mitgliedern des FSB-Geheimdienstes. Vor allen um die russische Regierung zu diskreditieren und die innenpolitische Lage zu destabilisieren, dabei werden bereits Aktionen geplant, die während der Wahlkämpfe 2016 und 18 stattfinden sollen.

Damit hat Putin vermutlich Recht. Allerdings wollte Frau Adler das nun sicher gerade nicht sagen. Deswegen wird auch gleich im Anschluss das „richtige“ Fazit gezogen.

(Traurige russische Musik)

Die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa ist bitter enttäuscht von ihrem Land, das über 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion Krieg führt gegen Nachbarn und kaum jemand dagegen protestiert.

(Russische Oma, vermutlich besagte Ljudmila Alexejewa, auf Russisch)

Übersetzung: Die heutige Propaganda unterscheidet sich sehr von der des kalten Krieges. Sie ist viel gemeiner, wütender und einschüchternder. So war das früher nicht, zumal die, die damals die Propaganda verbreiteten, das doch sehr mechanisch taten ohne selbst davon überzeugt zu sein. Heute glauben meine Mitbürger, was man ihnen erzählt. Sie wirken unerfahren, infantil, und sind schrecklich leicht zu betrügen.

Russland führt Krieg gegen seine Nachbarn? Kommt dieser Schwachsinn von der 87-jährigen multiplen Menschenrechtlerin oder hat sich Sabine Adler das so ausgedacht? Richtig ist es jedenfalls nicht. Selbst Wesley Clark, jener Ex-Natogeneral, der sich beim Thema IS so aufschlußreich verquasselt hat, datiert den erwarteten russischen Angriff 30 bis 60 Tage in die Zukunft. Die FAZ weiß das dank NATO auch. Nur den Franzosen und der OSZE hat keiner erklärt, woran man unsichtbare Russen und deren Panzer [2] erkennt, weswegen sie diese irgendwie übersehen haben. [2] Sei’s drum. Frau Adler dachte sich vermutlich, dass eine Lüge, so man sie nur ausreichend oft wiederholt, dann irgendwie schon wahr wird.

Tatsächlich ist es so, dass Russland höchstwahrscheinlich die Separatisten in der Ostukraine unterstützt. Dies geschieht jedoch nachweislich nicht über reguläre russische Armeeverbände im Donbass, sondern bestenfalls mittels der Überlassung alter Waffen- und Munitionsbestände. Sicherlich gibt es auch im begrenzten Umfang personelle Unterstützung, ob diese allerdings angeordnet wurde oder ob es sich um freiwillige Hilfe handelt, die von Russland nur toleriert bis gefördert wird, ist unbekannt.

Was nun Ljudmilas Einschätzung ihrer Landsleute angeht, so sind diese heutzutage eher schwerer zu betrügen als früher. Immerhin haben sie die harte Schule des neoliberalen Raubtierkapitalismus eines Chordorkowkis durchlaufen müssen.

Die russische Propaganda wird von der Bevölkerung nicht etwa deswegen geglaubt, weil die Menschen infantiler wurden, sondern weil die Überzeichnung leider nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist, wie wir uns wünschen würden. Der Westen ist hier nicht „der Gute“, der nur Freiheit und Demokratie in die Ukraine bringen möchte. Der Westen ist vielmehr ein Akteur, der die Ukraine im Auftrag der USA gezielt destabilisiert hat. Aber warum?

An dieser Stelle wird es komplex. Damit der Blogpost aber nicht noch weiter ausufert, lasse ich so ganz auf die Schnelle einfach mal einen äußerst unsympathischen Kotzbrocken namens Zbigniew Brzeziński antworten:

Es ist von fundamentaler Wichtigkeit, dass kein eurasischer Herausforderer die Bühne betritt, der in der Lage ist, Eurasien zu dominieren und somit Amerikas Vormachtstellung zu gefährden.

Das stammt aus dem Vorwort zu „The Grand Chessboard – American Primacy and its Geostrategic Imperatives“. [1] [2] Der Herausforderer, dessen Auftritt verhindert werden soll, ist nebenbei nicht Russland, sondern vielmehr China. Das große Ziel besteht darin, Chinas Wachstum mittels der Kontrolle der verfügbaren und von China dringend benötigten Energieträger zu überwachen und zu steuern. Und hier wiederum kommt dann Russland, der weltgrößte Lieferant von Energieträgern ins Spiel. Wenn es den USA gelingt, Russland nachhaltig zu schwächen und gleichzeitig die Kontrolle über die großen, russischen Energielieferanten wie GazProm zu erlangen, kann die Transition Chinas zur zweiten Supermacht verzögert, vielleicht sogar verhindert werden.

Wer sich für amerikanische Globalstrategie interessiert, dem seien die Bücher von Zbigniew Brzeziński, der unzweifelhaft ein absoluter Kenner der Materie ist, wärmstens empfohlen.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, aufzuzeigen, dass das Deutschlandradio und seine Qualitätsjournalisten die Wahrheit und ihre journalistische Integrität mittlerweile als  sehr dehnbare Begriffe aufzufassen scheinen. Wahres und Falsches wird verwoben, als Ergebnis entsteht bestenfalls ein Journalismusimitat. Schade. Sehr schade.

Apr 142015
 

Da sich einige wenige Leser meines Blogs daran störten, dass ich es wage, meine persönlich Meinung in meinen persönlichen, auf der Hauptseite verlinkten Blog zu verbreiten, habe ich mich entschlossen, damit zwar nicht aufzuhören aber diese Beiträge zumindest leichter kenntlich zu machen. Sie werden daher in Zukunft kurz und knapp über die Zeichenkette *IMHO* gelabelt. So können sie leicht aussortiert werden von jenen, die lieber nur die mit *NEWS* gekennzeichneten News lesen wollen oder aber die sonstigen, nur das Archiv betreffenden Beiträge.

In letzter Zeit finde ich in unseren Medien, soviele Fehldarstellungen, hahnebüchene Übertreibungen und oftmals unverhohlene Propaganda, das es schwer fällt, dazu die Klappe zu halten. Ich werde aber versuchen, bei der Behandlung der Themen den Sarkasmus soweit wie möglich zurückzufahren, damit sich jeder Leser des Blogs anhand der Quellen, die ich ja üblicherweise mitliefere, ein eigenes Bild machen kann. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass ich es schaffe, komplett neutral zu schreiben, dazu kocht es dann, wenn man mal wieder schamlos für dumm verkauft werden soll, doch ein wenig zu sehr in den Adern.

Zweifellos wurde der geneigte Leser in den letzten Monaten von allen Seiten mit russischer Propaganda bombardiert. Nein? Berthold Kohler von der FAZ sieht das allerdings ein wenig anders. Da versucht der Kreml über das Internet in die Köpfe der Deutschen Medienkonsumenten hineinzugelangen. Zum Glück funktioniert das jedoch nicht, denn eine aktuelle Studie des Allenbach-Instituts konnte feststellen, dass die Mehrheit der Bevölkerung der Darstellung der deutschen Mainstreammedien glaubt. Das ist schön, beweist es doch dass unsere eigene Propaganda Wirkung zeigt – im Gegensatz zur allgegenwärtigen russischen. (Für jene, die meinen, dass wir durch unsere Massenmedien im Bezug auf die Ukrainekrise und Russland korrekt informiert werden, kommen in Kürze einige Artikel, die aufzeigen werden, dass in diesem Zusammenhang der Begriff „Propaganda“ nicht leichtfertig gewählt wurde.)

Aber warum ist die Kommentarlage in den noch-nicht-geschlossenen Internetforen der großen Rundfunkanstalten und Tageszeitungen dann nicht so protransatlantisch, wie sie sein sollte? Auch darauf gibt es natürlich eine einfache Antwort: Bezahlte, russische Internettrolle schreiben in deutschen Foren getarnt als deutsche Foristen prorussische, putinfreundliche Kommentare. (Alternative Versionen in BILD, Focus, Welt, AFP.) Man sollte vielleicht erwähnen, dass sich die im Artikel bezeichnete Ljudmilla Sawtschuk von der von AFP & Friends kolportierten Darstellung distanziert hat. Eine von ihr als korrekt bezeichnete Version der Geschichte fände sich im Guardian. Festzuhalten bleibt allerdings, dass die 400 russischen Internettrolle primär in russischen Foren unterwegs sind, einige mit den entsprechenden Sprachkenntnisse auch in englischen. Für wie blöd hält man uns, wenn man uns weismachen möchte, dass die oft sehr gut formulierte Medienkritik in deutschen Internetforen von 400 russischen Internettrollen aus Sankt Petersburg stammt?

Ich möchte diese russische Variante der Meinungsmanipulation nicht gut heißen, aber es mag an dieser Stelle nicht schaden, wenn man den geneigten Leser auf ein paar Vorgänge hinweist, die für unsere Medienlandschaft eher keine Aufreger sind. Wie soll man beispielsweise dieses Stellengesuch der amerikanischen Botschaft betiteln, wenn nicht als Ausschreibung für Internettrolle? Das Problem, der Meinungsbeeinflussung existiert natürlich auch andernorts, wer also gerne für Israel trollen möchte, sei auf dieses Stellenangebot hingewiesen. Natürlich kann man gerne auch für die Ukraine trollen. Mit angeblich 35.000 Anmeldungen bereits am ersten Tage, dürfte diese Truppe der russischen zahlenmäßig weit überlegen sein.

Aber das wirkt alles recht dilletantisch. Da machen es die Briten mit ihren neuen Social Warriors schon besser. Und völlig unverhohlen. Technisch am fortschrittlichsten an der Trollfront sind allerdings unsere transatlantischen Freunde in Übersee; hier wurde dank Edward Snowden bereits im Jahre 2011 bekannt, dass das Pentagon eine Software entwickelt, die gefakte Internet-Identitäten erstellt, um so die Meinungsbildung in den sozialen Medien der nicht-englischsprachigen Welt zu manipulieren. Um eine Enttarnung zu verhindern, soll diese Software zudem sicherstellen, dass jede gefakte Identität über einen überzeugenden Hintergrund samt schlüssiger Biographie verfügt.

Wer glaubt, dass unsere amerikanischen Supermächtler solche Dinge nur rein theoretisch machen, der sollte sich einmal mit den Cuban Twitter Scam befassen, dabei handelte es sich um eine Art Twitter-Dienst namens ZunZuneo, dessen Ziel darin bestand, soziale Unruhe zu generieren. Aber verglichen mit dem, was wir dank Edward Snowden erfahren konnten, war das wohl wirklich nur ein Tropfen auf den heißen Stein der amerikanischen Internet-Propaganda. (Und wenn wir hier schon beim Thema Kuba sind, wer von meinen Lesern weiß, was Operation Northwoods war? 😉 )

Falls hier jemand an einer Fortbildung zum Internet-Troll interessiert ist, verlinke ich noch das entsprechende amerikanische Schulungshandbuch. Kann ja schließlich nicht schaden.

Die Liste westlicher Propagaeinrichtungen ließe sich nebenbei noch beliebig lange fortsetzen. Sollte ich vielleicht noch das aus westlichen Quellen mitfinanzierte Ukraine Crisis Center erwähnen? Oder vielleicht Radio Free Liberty, das nachweislich lange Jahre direkt über die CIA finanziert wurde? Ganz ehrlich, dagegen wirkt RT Deutsch wie ein katholischer Knabenchor.

Fazit für mich: Ich konsumiere eine Menge Nachrichten aus den verschiedensten Quellen. Am massivsten bemerke ich zur Zeit die protransatlantische, antirussische Propaganda, russische Internettrolle in Deutschland halte ich dagegen für ein Märchen. Ich bin davon überzeugt, dass die medienkritischen Kommentare in den großen Foren von Muttersprachlern stammen. Was nun russische Propaganda angeht, so existiert diese durchaus. Allerdings ist sie in den deutschsprachigen, von Russland finanzierten Medien meist recht dezent gehalten, in den russischsprachigen Medien dagegen kommt sie massiv daher. Man darf dabei aber eines nicht vergessen: Die simple Tatsache, dass eine Seite Propaganda verbreitet, bedeutet noch nicht, dass sie für eine bestimmte Situation veranwortlich ist, es zeigt jedoch, in welche Richtung und in welcher Weise sie die öffentliche Meinung beeinflussen möchte. Wenn man diese Richtung erkennt, kann man sich fragen, wie die jeweilige Seite von der entsprechenden Beeinflussung profitiert. Und wenn unsere Mainstreammedien wegen der russischen Internettrolle mit Steinen werfen wollen, dann sollte man nicht vergessen, dass sie nicht in einen Glashaus sitzen, sondern in einer kompletten Glasmetropole.

Danke für eure Aufmerksamkeit.