Aug 072015
 

Vorbemerkung: Dies ist ein Gastbeitrag von Miu Jones. Gastbeiträge werden in Zukunft mit dem Kürzel *GAST* gekennzeichnet.


Einmal abgesehen davon, dass es einfach interessant ist, sich mit den eigenen Vorlieben und den Vorlieben Anderer zu beschäftigen, diese zu vergleichen und so tiefschürfende Erkenntnisse über sich selbst, Andere, unterschiedliche Betrachtungsweisen und die Welt an sich zu erlangen, hat das Thema „Jungenbücher / Mädchenbücher “ auch eine praktische Bewandtnis. Die Lesekompetenz, die direkt mit dem eigenen Leseverhalten zusammenhängt, gehört nämlich nicht grade zu den unwichtigsten Dingen auf der Welt und das Wissen um geschlechtsspezifische Vorlieben kann für die geschlechtsspezifische Förderung benutzt werden.

Warum das Ganze?

Die Lesekompetenz wird von der PISA-Studie definiert als die Fähigkeit, Texte zu verstehen, zu vergleichen und die Informationen zu bewerten und anzuwenden. Bei der Studie PISA 2009 schnitten die Mädchen auf der Gesamtskala Lesekompetenz in allen Teilnehmerländern besser ab als die Jungen. Der Unterschied lag dabei im OECD-Durchschnitt bei 39 Punkten, was einem Schuljahr entspricht. Sagt uns die Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Lesekompetenz ist der einzige der drei in der PISA-Studie untersuchten Bereiche, in dem ein Geschlecht in ALLEN untersuchten Ländern gravierend besser abschneidet als das andere. Der geschlechtsspezifische Unterschied im Bereich der Lesekompetenz ist übrigens wesentlich gravierender als der Unterschied im mathematischen Bereich, wo Jungs tendenziell besser dastehen (durchschnittlich 11 Punkte).

Die Macher der Studie gehen davon aus, dass die wesentlich schlechtere Lesekompetenz der männlichen Teilnehmer auf geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Lerneinstellungen zurückzuführen sind. (As shown in PISA 2009 (OECD, 2010b), these differences are associated with differences in student attitudes and behaviours that are related to gender. OECD (2014), PISA 2012 Results: What Students Know and Can Do – Student Performance in Mathematics, Reading and Science (Volume I, Revised edition, February 2014), PISA, OECD Publishing, Seite 201). Wer sich die ganze Studie mal anschauen möchte findet sie hier.

Nachfolgend möchte ich auf die Unterschiede zwischen typischen Mädchen- und Jungenbüchern und auf geschlechtsspezifisches Leseverhalten eingehen. Ich werde mich nicht mit der Frage beschäftigen, aus welchen Gründen Jungen generell weniger lesen als Mädchen. Wer sich dafür interessiert (und der englischen Sprache mächtig ist), dem sei das entsprechende Kapitel des Boys‘ Reading Commission Reports von 2012 empfohlen.

drei ??? und drei !!!

Die vorhandenen Unterschiede zwischen „Jungenbüchern“ und „Mädchenbüchern“ sagen erst mal nur aus, was erwachsene Autoren/Lektoren/etc. denken, was Jungen/Mädchen gerne lesen würden, wobei Feedback (z.B. im Form von Verkaufszahlen, Buchempfehlungen) durchaus vorhanden ist. Da Beispiele aber netter sind als trockene Statistik werde ich mir exemplarisch mal ein Jungen- und ein Mädchenbuch anschauen. (Wer sich dadurch gelangweilt fühlt, kann gleich zum Abschnitt Fazit und Vergleich mit der Literatur springen.) Dazu greife ich mir blind einen Band der ‚drei ???‘ und ‚drei !!!‘ aus dem Regal unserer Stadtbücherei.

Die drei ??? dürften den meisten ganz unabhängig von ihrem Geschlecht ein Begriff sein. Die Reihe existiert seit den Sechzigerjahren, wurde zunächst aus dem Englischen übersetzt und – nachdem die Reihe in den USA eingestellt wurde – von deutschen Autoren fortgesetzt. Die Protagonisten sind die drei Freunde Justus, Peter und Bob, die sich unter dem Namen ‚Die drei ???‘ und dem Motto ‚Wir übernehmen jeden Fall‘ zusammengetan haben. Weitere wiederkehrende Personen sind Justus‘ Tante und Onkel, denen ein Schrottplatz gehört, auf dem sich auch das Hauptquartier der Detektive befindet, Inspektor Cotta für die polizeiliche Unterstützung, außerdem Peters Freundin Kelly.

Die Serie ‚Die drei !!!‘ wird seit 2007 vom gleichen Verlag herausgegeben, gewissermaßen als ‚Antwort‘ auf die Die drei ???: „Die Detektiv-Reihe für Mädchen: clever und frech!“. Protagonistinnen sind die drei !!! Kim, Franziska und Marie (‚Wir lösen jeden Fall!‘), das prinzipielle Konzept der Reihe ist ähnlich. Analog zu den drei ???, gibt es die (Stief-) Eltern der Mädchen, einen hilfreichen Kommissar und Kims Freund Michi, der gelegentlich bei der Fallaufklärung mithelfen darf. Im Gegensatz zu den drei ??? spielen die Freunde/Exfreunde/potentiellen Freunde der Mädchen eine größere Rolle in der Handlung.

Der erste Eindruck

Die glücklichen Gewinner meiner Blindauswahl sind:

Die drei ???: Der namenlose Gegner und Die drei !!!: Total verknallt

Ein Blick auf die weiteren Bände der Reihen zeigt, dass die ausgewählten Bücher von der Aufmachung her für die drei??? repräsentativ sind. Bei den drei!!! hätte man vielleicht einen etwas ’neutraleren‘ Band erwischen können.

Schon beim Blick auf Titel, Cover und Klappentext erkennt man gravierende Unterschiede. Der Einband der drei ??? ist in schwarz gehalten, das Cover zeigt ein nächtliches Fabrikgelände, am Fenster der schattenhafte Umriss einer Gestalt. Der Einband der drei !!! ist in knalligen Pastellfarben (im aktuellen Fall brombeer-pink) gefärbt, das Bild zeigt Marie die von zwei Jungen auf die Wange geküsst wird. Das grüne Herz ist ein Wackelbild sodass man von ‚Anschauen‚ und ‚Kuss auf die Wange‘ hin und herwackeln kann. Das Cover der Taschenbuchausgabe ist da etwas dezenter.

Insgesamt ist der erste Eindruck bei den drei ??? eher eine Einstimmung auf Spannung, Bedrohung und Abenteuer, während die drei !!! die Leserin auf Liebe, Freundschaft und Beziehungschaos vorbereiten.

Die Handlung

Dieser Eindruck wird beim Lesen bestätigt. Der Hauptunterschied zwischen beiden Serien ist, dass bei den drei ??? der Fall im Vordergrund steht, während ihm bei den drei !!! wesentlich weniger Bedeutung zukommt. Das betrifft sowohl den Anteil, den er an der Gesamthandlung hat, als auch die Komplexität des Falles und die Ermittlungsleistung, die von den Protagonisten zur Lösung erbracht wurde. Im Fall der drei ??? stehen die (Sach)Schäden im Vordergrund, Ziel ist es den Täter zu finden und zu stoppen. Insgesamt beschäftigen sich etwa 69 von 127 Seiten mit dem Kriminalfall. Der Rest sind actionreiche Handlungsstränge, die indirekt mit dem Fall zusammenhängen, die Beziehung der drei ??? zu ihrem Erzfeind Skinny Norris und Bobs Streit mit seinen Eltern.

Bei den drei !!! ist der Fall… vorhanden. Insgesamt beschäftigen sich etwa 23 von 139 Seiten mit dem Kriminalfall. Der Rest beschäftigt sich mit Maries Beziehungsproblemen mit Holger und ihren aufkeimenden Gefühle für Adrien, weiteren romantischen Verwirrungen und dem alltäglichen Leben der Mädchen. Zur Verteidigung der drei !!!: Es gibt auch Bände, in denen die drei !!! richtige Fälle lösen und sich entsprechend mehr mit dem Fall auseinandersetzten.

Schaut man sich die Nicht-Fall-Handlung an, fällt auf, dass in den drei ??? die beiden größten nicht-Fall-Handlungsstränge in den Themenbereich ‚Spannung‘ fallen. Die beiden anderen Handlungsstränge, die sich mit der Beziehung der Personen untereinander beschäftigen, sind nicht romantischer Natur. Bei den drei !!! fallen alle nicht-Krimi-Handlungsstränge bis auf einen in die Kategorie ‚Liebe/Beziehungen‘.

Obwohl beide Reihen zum gleichen Genre gehören, werden inhaltliche Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt. In den drei ??? wird mehr Wert auf Action und Spannung gelegt, in den drei !!! auf Romantik und Privatleben der Protagonistinnen.

Darstellung von Gefühlen

Um mir die Beschreibungen von Gefühlen an sich etwas genauer anzuschauen, habe ich eine ähnliche Situation aus beiden Büchern ausgewählt und zwar: Er hat sie versetzt.

Erlhoff, Kari: Die drei ???. Der namenlose Gegner. 1 Auflage. Stuttgard: Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.KG, 2009, Seite 39f

„Die Wunde muss gereinigt werden. Außerdem verdienst du es nicht besser!“-„Ich hab doch gar nichts getan!“, verteidigte sich Peter. „Ach nein? Du versetzt mich am Dienstag um mit Jeffrey surfen zu gehen. Dann hast du heute keine Zeit für den Filmabend. Und schließlich kommst du hier mitten in der Nacht klitschnass und noch dazu mit Justus an und klingelst mich aus dem Bett!“- „Ich bin schwer verletzt!“, klagte der Zweite Detektiv. „Dein Haus war meine letzte Rettung!“ – „Typisch Mann! Wenn ihr mal einen Kratzer habt, denkt ihr gleich, ihr müsstet sterben!“ Kelly schnitt ein Pflaster zurecht. „Du hast Glück, dass meine Eltern solche Aktionen mittlerweile gewohnt sind!“

Vogel, Maja: Die drei !!!. Total verknallt!. 1 Auflage. Stuttgard: Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co.KG, 2009, Seite 18

[Telefonat]“Also… die Sache ist die…“ Holger zögerte kurz, dann gab er sich einen Ruck „Ich kann leider nicht kommen.“ – „Was?“ Marie setzte sich kerzengrade hin. „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“ – „Ich muss lernen. Wir schreiben am Montag eine wichtige Matheklausur, und ich hänge total hinterher.“ – „Hättest du nicht früher anfangen können zu lernen?“ fragte Marie schnippisch. „Die Klausur ist doch bestimmt nicht erst gestern angesetzt worden.“ – „Ich hab den Stoff total unterschätzt.“ Holger klang zerknirscht. Oder tat er nur so? „Tut mir echt leid, dass ich unser Date abblasen muss. Bist du sauer?“ Marie atmete tief durch. Sie wollte nicht, dass ihre Stimme zitterte. „Quatsch. Ist nicht so schlimm, dann mache ich mir ebene alleine einen schönen Sonntag.“ Holger seufzte. „Du bist doch sauer, stimmt’s?“

Beide Zitate bestehen größtenteils aus Dialog. Der Anteil an Redebegleitsätzen und beschreibenden Sätzen ist bei den drei !!! erstens höher und macht zweitens stärker deutlich, was die beteiligten Charaktere fühlen. Bei den Drei ??? gibt es nur drei Nicht-Dialog-Sätze von denen einer rein gar nichts über die Gefühle des Charakters preisgibt. Auch innerhalb des Dialogs werden Gefühle nicht (oder nur die vielen Ausrufezeichen) thematisiert. Bei den drei !!! werden die Gefühle von Marie und Holger sowohl durch direkte (schnippisch, zerknirscht), als auch indirekte Beschreibungen (Marie setzte sich kerzengrade hin) erkennbar und werden auch im Gespräch thematisiert.

Diese Beobachtung ist für beide Bücher repräsentativ. In den drei ??? wird nur selten auf die Gefühle der handelnden Personen eingegangen und sie werden dann eher indirekt beschrieben. Natürlich hängt die Beobachtung von den allgemeinenen Schreibstilen der beiden Autorinnen ab, allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Bücher vom gleichen Verlag und für eine geschlechtsspezifische Zielgruppe herausgegeben werden.

Die intensivsten Gefühlsbeschreibungen in den drei ??? (Angst, Verwirrung, Wut), kommen während eines Kampfes in den Justus und Peter mit Bob geraten, der sein Gedächtnis verloren hat und die beiden deshalb für gefährlich hält. Damit ist es aber vorbei, sobald sich die Situation aufgelöst hat. („Wenn wir Mädels wären, würden wir jetzt wahrscheinlich rumheulen und uns in die Arme fallen.“ – „Ja zum Glück sind wir echte Kerle, was?“ – „Jep.“ Erlhoff, Kari: Die drei ???. Der namenlose Gegner. S.107). Romantische Gefühle (und Handlungen) werden gar nicht thematisiert.

In den drei !!! wird fast durchgehend auf die Stimmung der Charaktere eingegangen, viel (mit den Freundinnen) über die eigenen Gefühle gesprochen und häufiger innegehalten, um über die eigenen Gefühle zu sinnieren. Die Palette der Gefühle ist relativ breit, die intensivsten Gefühlsbeschreibungen kommen im Kontext einer romantischen Beziehung sowohl in der Schmetterlinge-im-Bauch-Variante, als auch in epischem Hadern, wenn es gerade nicht läuft.

In den drei ??? werden Gefühle nur in ausgewählten Situationen beschrieben, während der Leser der drei !!! permanent über die Gefühle der handelnden Charaktere informiert wird. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf den mit einer romantischen Beziehung assoziierten Gefühlen. Diese werden in den drei ??? gar nicht thematisiert. (Allerdings sind wir hier in der Altersgruppe der 10-13 Jährigen in Büchern für ältere Jungen könnte das durchaus anders aussehen.)

Stereotypen

Weil ich es schwer finde, geschlechtsspezifische stereotype Verhaltensweisen zu definieren, gehe ich auf Klischees nur soweit ein, wie sie mir aufgefallen sind, ohne darauf zu achten, ob es sich um ‚berechtigte‘ Klischees handelt oder Vorurteile. In beiden Büchern beziehen sich die Klischees stärker auf das Geschlecht der angesprochenen Zielgruppe und klischeehafte Äußerungen gegen das andere Geschlecht werden innerhalb der Handlung relativiert.

Das nicht-Zeigen von (vorhandenen) Gefühlen oder Schwäche nach extremen Situationen wird in den drei ??? positiv dargestellt. Außerdem wird sich in den Randbemerkungen diverser Personen immer wieder latent vom weiblichen Geschlecht distanziert. Als sich herausstellt, dass der Unbekannte, den Peter an der Flucht hindern will, eine sie ist, versucht er zunächst etwas sanfter zu sein (ein großer Fehler wie sich herausstellt). Bei den vorkommenden weiblichen Charakteren, findet sich alles, von der braven Hausfrau, die ihrem Mann nach dem Mund redet, bis zur kratzbürstigen Einbrecherin. Der Umgangston der Jungen ist etwas schroffer (oder weniger ‚extrem rücksichtsvoll‘) und direkter, als der der drei !!!, was den Rückhalt der Freunde bei Problemen betrifft, ist das Verhalten gleich.

In den drei !!! verhalten sich die Mädchen häufiger impulsiv und irrational und Emotionen legen mehrfach das logische Denken völlig lahm. Offensichtliche Widersprüche im eigenen Denken/Verhalten (wie ‚Ich werfe ihm vor unverschämterweise zweigleisig zu fahren, während ich selbst ohne sonderliche Bedenken zweigleisig fahre‘) werden nicht als solche thematisiert. Perfektes Aussehen spielt nur bei Marie eine gravierende Rolle, was aber in ihrer Figur so angelegt ist. Männliche Charaktere haben größeren Anteil an der Handlung, die ‚Love interests‘ fallen entweder in die Kategorie ‚romantisch und verständnisvoll‘ oder ‚auf den ersten Blick hassenswert, auf den zweiten süß und witzig‘. Wobei ‚romantisch und verständnisvoll‘ interessanterweise kein Widerspruch zu unsensibel ist, wie man an dem armen Holger sieht.

Im Hinblick auf die Zeile Wenn wir Mädels wären, würden wir jetzt wahrscheinlich rumheulen und uns in die Arme fallen., möchte ich auf diesen Aspekt etwas genauer eingehen, denn in den drei ??? wird wesentlich weniger und wenn, dann aus triftigeren Gründen geweint, als in den drei !!!. In den drei ??? weinen zwei (weibliche) Personen, die eine nachdem der Sheriff sie tätlich angreift und droht sie mit dem Schlagstock zu verprügeln, die andere weil ihr Vater und ihr Exfreund sich (vermeintlich) vor ihren Augen gegenseitig töten.

In den drei !!! habe ich leider den Fehler gemacht, nicht mitzuzählen, wie oft weibliche Personen in Tränen ausbrechen, ich denke acht bis zehn wäre ein guter Schätzwert, je nachdem, ob Mitweinen extra zählt. Alle Mädchen heulen mehrfach oder haben zumindest Tränen in den Augen stehen. Der häufigste Grund sind Beziehungsprobleme, aber auch die Angst, die Eltern würden sich scheiden lassen. Auch die Freundin der Mutter weint aufgrund ihrer bevorstehenden Scheidung. Die Protagonistinnen in der Mädchenreihe erfüllen also viel eher das Klischee des ‚Herumheulens‘ als die weiblichen Figuren bei den drei ???. Im Hinblick auf Diskussionen, ob das Verbreiten von Sterotypen schädlich ist und unterbunden werden sollte, finde ich diese Diskrepanz interessant.

Fazit und Vergleich mit der Literatur

Ein Vergleich, von zwei wahllos aus dem Regal gezogenen Büchern ist keine Wissenschaft und kann (zusammen mit anderen Erfahrungen) höchsten einen Hinweis auf die grobe Richtung geben. Außerdem sagt der Inhalt von typischen Mädchen/Jungenbüchern nur etwas über die zielgruppenspezifische Literatur aus, nicht zwangsläufig über das gesamte Leseverhalten. Trotzdem passt das Ergebnis der Frei-Hand-Analyse ganz gut ins Bild empirischer Daten, was auch der Grund ist, weshalb ich euch damit gelangweilt habe.

Für den Überblick über die Unterschiede im geschlechtsspezifischen Leseverhalten, beziehe ich mich auf einige Hausarbeiten*. (Diese beziehen sich wiederum auf Quellen, die leider größtenteils nicht einsehbar sind. Da die Noten alle ganz gut waren, gehe ich mal davon aus, dass das so seine Richtigkeit hat.) Einigkeit besteht in folgenden Punkten:

– Geschlechtsspezifische Unterschiede im Leseverhalten treten erst im Grundschulalter auf und werden mit zunehmendem Alter größer. Im Vorschulalter bzw. bei Leseanfängern sind sie noch nicht vorhanden.

– Jungen interessieren sich mehr für Sachbücher als Mädchen, wobei auch da andere Themen präferiert werden.

– Bei Romanen präferieren Jungen spannende und actionreiche Geschichten und damit Genre wie Abenteuer, Krimis, Fantasy/Science-Fiction oder Horror. Romantische Handlungsschwerpunkte werden von Jungen häufiger und bis in die Altersgruppe ab 14 hinein abgelehnt. Mädchen haben generell breiter gefächerte Interessen und mögen besonders Romanzen, Alltagsgeschichten und ‚realitätsbezogene Problemgeschichten‘. Beide Geschlechter mögen lustige Bücher.

Den bevorzugten Genres entsprechend lesen Mädchen/Frauen empathisch und emotional involviert, während Männer eher sachbezogen und distanziert lesen oder in fremde, fantastische und exotische Welten abtauchen wollen. (Garbe 2003) Nachzitiert aus  „Das Leseverhalten von Jungen und Mädchen – Forschungsergebnisse, Erklärungsansätze und Konsequenzen des geschlechtsspezifischen Leseverhaltens, Hausarbeit, 2010

– Zu geschlechtsrollentypischem Verhalten gibt es leicht variierende Aussagen. Insgesamt scheinen Jungen einen größeren Wert auf geschlechtsrollentypisches Verhalten zu legen als Mädchen, wobei auch bei Mädchen Bücher mit geschlechtsrollentypischem Verhalten vom ökonomischen Standpunkt her rentabler seien. Allerdings bezogen sich alle Aussagen die ich gefunden habe, auf die Darstellung des Geschlechts der angesprochenen Zielgruppe und zumindest bei der Aussage zu den Mädchen war offen, ob es bei den ‚Geschlechtsrollen‘ um Verhaltensweisen oder die Rolle innerhalb der Gesellschaft geht.

Aus meinen persönlichen Leseerfahrungen würde ich sagen, dass ein Mädchenbuch mit stereotyp dargestellten Protagonistinnen viel häufiger auf eine ebenso stereotype Darstellung der Protagonisten angewiesen ist (Romanzen funktionieren so schlecht allein), während in Jungenbüchern alternativ auch keine oder vom Verhalten her ‚männliche‘ Protagonistinnen vorkommen können. Falls jemand zu diesem Thema Informationen hat, immer her damit.

Beim beispielhaften Vergleich der drei ??? und drei !!! ließen sich ebenfalls die drei Aspekte unterschiedliche Themenschwerpunkte, emphatisch-emotionale versus sachlich-distanzierte Betrachtungsweise und Verwendung von geschlechtsspezifischen Klischees finden.

*Als exemplarische Quellen möchte ich angeben:

Schwache Helden für starke Jungs – Mangelnde Identifikationsangebote der Kinder- und Jugendliteratur als Ursache der männlichen Leseabstinenz?; Examensarbeit, 2007

Das Mädchen- und Frauenbild in der Mädchenliteratur der letzten 150 Jahre; Examensarbeit, 2005

Das Leseverhalten von Jungen und Mädchen – Forschungsergebnisse, Erklärungsansätze und Konsequenzen des geschlechtsspezifischen Leseverhaltens, Hausarbeit, 2010

Lesekompetenz und Geschlecht, Hausarbeit, 2003

Lange Rede, kurzer Sinn: Was hat das ganze jetzt gebracht?

Zunächst ist das Ganze ein interessanter Diskussionsinput zur Frage welche geschlechtsspezifischen Lesepräferenzen es gibt und wie sich diese Vorlieben auswirken. Ganz unabhängig davon, was man von Genderstereotypen hält oder ob man der Meinung ist, dass sie aufgrund unserer Erziehung oder einer intrinsischen Veranlagung existieren, hilft uns vielleicht die Tatsache, dass sie beide Geschlechter gleichermaßen betreffen die Dinge etwas entspannter zu sehen. (Und sich, wenn man als Frau ein Problem mit Stereotypen hat, erst mal an den Tonnen von rosa Glitzerliteratur abzuarbeiten, bevor es an männliche „Heldenbilder“ geht.)

Abgesehen davon hat das Untersuchen von Lesepräferenzen auch einen praktischen Nutzen, nämlich eine effizientere Leseförderung von Jungen.

Wie bereits oben erwähnt ist die Lesekompetenz bei Jungen durchschnittlich schlechter als bei Mädchen, was höchstwahrscheinlich damit zusammenhängt, dass Jungen durchschnittlich wesentlich weniger lesen. Ganz unabhängig von der Frage, ob das daran liegt, dass Jungen sich generell weniger für Bücher interessieren, oder es an einem Mangel an Lesestoff liegt, ist es aus bildungstechnischer Sicht sinnvoll, das vorhandene Interesse am Lesen soweit möglich anzufachen und denjenigen, die Lesestoff suchen, den Zugang zu erleichtern.

Die Wichtigkeit der gezielten Jungenleseförderung ist Bibliotheksverbänden und anderen (staatlichen und privaten) Organisationen, die sich mit Lesen oder Bildung beschäftigen, bewusst. Es werden Informationsmaterialien herausgegeben (z.b. dieser Flyer für Lehrer) und Projekte zur Leseförderung (z.B. zur Etablierung männlicher Vorleser als Rollenvorbilder) umgesetzt. In diesem Bereich bleibt aber noch deutlich Luft nach oben, sodass sich auch in kleinen Dingen ohne viel Aufwand und ohne gravierende Nachteile für irgendwen deutliche Verbesserungen bewirken lassen. Zum Beispiel indem man versucht, andere für die Problematik zu sensibilisieren, was einer der Gründe für mich war, diesen Blogartikel zu schreiben.

Eine andere einfache Möglichkeit ist der Austausch von Leseempfehlungen.

In unserer Bücherei gibt es beispielsweise seit kurzem neben der Genre-Kennzeichnung den Interessenkreis „für Jungen“, sodass Interessierte die Leseempfehlung direkt sehen und gezielt danach suchen können. Die Empfehlung wird neben Rezensionen, Genre-Einordung etc. von der Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken herausgegeben und ist leider für Privatleute nicht einsehbar. Wahrscheinlich werden aber viele größere Bibliotheken Mitglied bei der Einkaufszentrale oder bei anderen vergleichbaren Organisationen. Und sicher sind unter denjenigen, die diesen Blogbeitrag lesen, einige dabei, für die die örtliche Bücherei oder Buchhandlung ein zweites Zuhause ist. Und vielleicht fühlt sich ja der/die eine oder andere motiviert, mal nach einer entsprechenden Kennzeichnung Ausschau zu halten und – falls es sie nicht gibt, anzuregen, dass sie eingeführt wird. Das schadet niemandem (außer vielleicht der Person, die die ganzen Aufkleber anbringen muss ^^) und ist zielgruppenspezifische Werbung, die vielleicht zu mehr Lesern führt. Was Buchhandlungen betrifft bin ich überfragt, ob und welche Informationen sie zu ihren Büchern bekommen, aber auch sie würden sicher von einer „Jungenecke“ oder spezifischen Empfehlungen profitieren. Fragen kostet nichts und vielleicht trifft die Idee ja auf offene Ohren.

Ganz umsonst und für alle zugänglich ist die Jungenleseliste von MANNdat e.V. Zum einen ist sie ein guter Tipp für Leute, die selbst Leseempfehlungen suchen, zum anderen besteht die Möglichkeit (unabhängig vom eigenen Geschlecht) Buchtipps beisteuern. Das geht ganz einfach über eine Mail an info@jungenleseliste.de oder über das Kontaktformular der Webseite. Für eine Empfehlung sind Autor, Titel und ein paar Stichpunkte zur Begründung der Auswahl ausreichend, obwohl sich der Verein über ausführlichere Rezensionen freut. Gerade in der Altersgruppe ab 13 Jahren ist die Bücherliste relativ kurz, sodass sich Empfehlungen auf jeden Fall lohnen.

Alles was für Bücher gilt, gilt natürlich auch für Fanfiktion. Wir sind uns sicher alle einig, dass ‚Fanfiktion‘ ein tolles Hobby ist und den meisten, die länger dabei sind, dürfte aufgefallen sein dass wir einen Frauenanteil von gefühlten 90% (mindestens) haben. Im Gegensatz zur wirklichen Welt mit ihren Gerechtigkeitsdiskussionen und Verteilungsquerelen haben wir also hier einen Bereich in dem das weibliche Geschlecht in der Übermacht ist und die ungeschriebenen Regeln diktiert. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass die meisten Fanfiktion nicht gerade auf Jungen zugeschnitten sind. Ehrlich gesagt, fällt mir spontan keine ein.

Ich bin jetzt mal so dreist und behaupte einfach, es gibt keine guten Fanfiktions für Jungs, in der Hoffnung heftigen Widerspruch zu bekommen, am besten direkt mit entsprechenden Gegenbeispielen. Wenn genug zusammenkommen damit sich ein (oder mehrere) Empfehlungsthreads für Jungen im Forum lohnen, wäre das doch schön.

Falls irgendjemand mit der Benennung ein Problem hat, von wegen Zementierung von Stereotypen oder so, findet sich sicher auch ein anderer Name. So wie die Geschlechterverteilung ist, ist der Anteil an Mädchen/Frauen, der von der spezifischen Kennzeichnung profitiert, vielleicht sogar höher als der Anteil, der männlichen Leser. Falls noch jemand Ideen hat, wie man ohne großen Aufwand, das Interesse von Jungen/Männern am Hobby Fanfiktion wecken kann, immer her damit. Wenn man davon ausgeht, dass die Zielgruppe generell relativ klein sein dürfte, wird eine Empfehlung den Autoren der entsprechenden Geschichten nur nutzen.