Jun 032015
 

Für all jene, die in den vergangenen 2 Tagen mitbekamen, wie sich unsere Leitmedien dabei überschlugen, die selbstverständlich maximalseriöse und über jeden Zweifel erhabene Analyse der Bellingkatze zu verbreiten, nach der die veröffentlichten russischen Satellitenaufnahmen vom MH17-Unglück zweifelsfrei manipuliert sein müssen, sei auf den exzellenten Artikel von Stefan Niggemeier zum Thema verwiesen. Schon blöd, wenn selbst der Entwickler der verwendeten fotoforensischen Software Dr. Neal Krawetz, die medial abgesegneten Bemühungen der Hobbyexperten als gutes Beispiel dafür einordnete, wie eine Bildanalyse nicht gemacht werden sollte.

Allerdings haben Fakten und fehlende Eigenrecherche unsere Medien bisher seltenst davon abgehalten, offenkundigen Unfug zu verbreiten. Gerade bei Eliot Higgins wären Zweifel jedoch nicht ganz falsch gewesen, immerhin wurde ihm bereits im Zusammenhang mit dem Sarin-Angriff in Syrien von den echten Experten des MIT vorgeworfen, keineswegs ergebnisoffen zu arbeiten, sondern seine „Fakten“ bei Bekanntwerden neuer technischer Informationen, welche seine Behauptung, dass Assad für den Angriff verantwortlich sei, widerlegten, nach Bedarf abzuändern.

Schöne neue Medienwelt.

Bisher hat nebenbei nur der Spiegel es geschafft, eine Gegendarstellung zur vorher verkündeten sicheren Tatsache zu veröffentlichen. Im Gegensatz zu den 3 Artikeln, die die russische Fälschung beschworen, war diese allerdings nur kurz direkt auf der Hauptseite einsehbar. Das hängt aber gewiß nur mit den brennendheißen Nachrichten zum Blatter-Rücktritt zusammen.


Nachtrag: Hier ebenfalls noch ein recht aktuelles und vom Bildblog sehr schön illustriertes Beispiel, wie man aus Absolut-Gar-Nichts eine perfekt-russenfresserische Schlagzeile bastelt.

Apr 182015
 

Ich habe früher immer sehr gerne Deutschlandradio gehört. Primär beim Autofahren. Ich höre es zwar nach wie vor, aber von „gern“ kann eigentlich keine Rede mehr sein. Anstelle von Nachrichten und gut recherchierten Reportagen steht seit Beginn der Ukrainekrise immer häufiger billige Propaganda auf dem Programmplan. Um das zu belegen, habe ich ein Transkript des Beitrags von Sabine Adler vom 17.04.2015, Sendezeit 07:48 Uhr angefertigt. Der Titel der knapp 7-minütigen Sendung war „Die russische Opposition – Ein Imitat“.

Im folgenden findet ihr kursiv geschrieben die Transkription, dazwischen in Normalschrift ein paar Kommentare von mir, die dem Beitrag zweifellos gut getan hätten. Ohnehin ist es deutlich einfacher, im Radio Unfug zu erzählen, weil der Zuhörer kaum Zeit zur Reflektion, sowie keine Möglichkeit zum pausieren hat und Hintergrundinfos in Form von Links nicht angeboten werden können.


(Traurige russische Musik)

Die Absetzung des Theaterintendanten von Nowosibirsk wegen der angeblich gotteslästerlichen Inszenierung der Wagneroper Tannhäuser war verschmerzbar, verglichen mit dem Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Doch beide Ereignisse innerhalb eines Monats wurden von der russischen Öffentlichkeit als das verstanden, als das sie gemeint waren: Niemand wage zu widersprechen.

Zum Tannhäuser in Nowosibirsk habe ich nun nichts gefunden. Ich wäre auch nicht bereit, mich mehr darüber zu echauffieren, als man dies beim Deutschlandradio zum Thema Valentina Lisita tat. Nie von gehört? Nun, der bekannten ukrainischen Pianistin hat man in Toronto ein Auftrittsverbot erteilt, weil sie sich kritisch zur derzeitigen Lage in der Ukraine äußerte. Toronto liegt jedoch dummerweise nicht in Russland, weswegen Verstöße gegen die Freiheit der Kunst dort vom Standpunkt des Deutschlandradios aus irrelevant sind.

Tja und der Nemzow. Oppositionspolitker ist hier ein schöner Euphemismus. Wenigstens wird er hier nicht gleich zum Oppositionsführer erklärt, das haben einige unserer deutschen Qualitätsmedien nämlich auch schon geschafft, [1] [2] und das obwohl seine politische Karriere bereits 1998 endete, als er in Folge der russischen Finanzkrise seinen Stuhl als Vizeministerpräsident räumen mußte. Spätestens ab 2008 hatten die westlich orientierten Reformer im Zuge der internationalen Finanzkrise dann endgültig das Vertrauen der Bevölkerung verspielt – ein Umstand von dem Putin bis heute maßgeblich profitiert. Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass Nemzows Union der Rechten Kräfte bei den Wahlen 2003 an der 5-Prozent-Hürde scheiterte. Sie und die Nachfolgeorganisation Rechte Sache sind seitdem quasi bedeutungslos.

Man überlege nun selbst, wie sinnvoll ein politisch motivierter Mord an einer derart unwichtigen Person wie Nemzow wohl sein kann. Man bedenke auch, wo Nemzow ermordet wurde, nämlich auf der Moskworezkij-Brücke quasi direkt vor dem Kreml. Das dort überhaupt ein Mord geschehen konnte, ist ziemlich peinlich für diesen. Und dann ziehe man noch in Erwägung, dass die Ausschlachtung des Mordes an Nemzow nachgewiesenermaßen immense Propagandamöglichkeiten bot und bietet – zur Diskreditierung von Putin.

Ich selbst hätte arge Probleme damit, den Tannhäuser in Nowosibirsk und den Mord an einem unbedeutenden Oppositionellen unter einen Hut zu bringen. Sabine Adler nicht. Für sie, das Deutschlandradio und die russische Öffentlichkeit ist sonnenklar, dass das ein Maulkorb sein muss. Wer widerspricht wird abgesetzt oder an der Kreml-Mauer im Auftrag Putins erschossen. Logisch.

Aber wenn das Deutschlandradio tatsächlich mal über Morde an Oppositionellen und kritischen (bzw. prorussischen) Journalisten berichten will, wie wäre es dann mit Oleh Kalaschnikow und Oles Buzyna? Nur sind die dummerweise nicht in Moskau, sondern in der Ukraine gemeuchelt worden. Und sie waren bei weiten auch nicht die Einzigen. Oder wie wärs mit Sergey Sukhobok? Und wir hätten auch noch die Selbstmordserie im politischen Umfeld von Janukowitsch. [2]

Dem Oppositionspolitiker ein Denkmal setzen? Der Enthusiasmus hält sich in Grenzen.

Kann ich absolut nachvollziehen. Nemzow stand unter anderen für eine desaströse Reformpolitik. Er wurde für diese zwar ausgiebig vom Westen gelobt, aber das Ergebnis war eine zunehmende Verelendung der Bevölkerung.

(Russischer Mann auf Russisch)

Es macht keinen Sinn etwas umzubenennen, weil jemand ermordet wurde. Jeden Tag sterben Leute. Sollen wir deshalb alles umbenennen, fragt ein Mann Mitte 40 direkt auf der Kreml-Brücke, dem Tatort. Einen anderen ist es egal, wo das Denkmal stehen wird, Hauptsache es kommt. Ein Dritter zuckt die Schultern. Er muss kein Nemzow-Denkmal haben, sollen die es errichten, die ihn schätzen.

Die Grand Dame der russischen Oppostion, Ljudmila Alexejewa fühlt sich in alte Zeiten zurückversetzt. 1968 wagte sie mit 6 weiteren Mitstreitern den ersten Protest auf dem roten Platz gegen den Einmarsch der roten Armee in die Tschechoslowakei. Das Russland heute, findet sie, macht es Andersdenkenden keinesfalls leichter.

Die Aussage ist grundsätzlich erst einmal richtig.

(Russische Oma, vermutlich besagte Ljudmila Alexejewa, auf Russisch)

Übersetzung Deutschlandradio: Damals hat sich auch keiner an Gesetze gehalten. Der KGB und andere staatliche Einrichtungen haben sich interne Regeln gegeben, die wir kannten, weil wir oft genug mit ihnen in Konflikt gerieten. Wenn sie jemanden vor Gericht bringen wollten, galt, dass es mindestens 3 Zeugen geben mußte, die einen Vorwurf bestätigten. Heute wird man verurteilt für etwas, was sich jemand komplett ausgedacht hat.

Soll das eine neue Version von „Früher war alles besser“ sein? Aber sollte man dann nicht vielleicht auch ein paar Belege bringen, wenn man behauptet, dass Leute für reine Phantastereien verurteilt werden? Das würde ja schließlich bedeuten, dass die russische Justiz genauso inkompetent wie die bayrische im Fall Mollath sei.

(Gemurmel)

Die Moskauer Helsinki-Gruppe, die Ljudmila Alexejewa vor Jahrzehnten gründete, war radikal, weil wirklich im Widerstand, sagt der Moskauer Politikprofessor Emil Pain. Unter Moskauer Intellektuellen macht ein Wort die Runde: Imitation. Opposition, Pressefreiheit, Referenden wie das auf der Krim – nichts sei echt, alles imitiert.

Spannend. Aber wenn Nemzow, wo ich durchaus mitgehe, nur ein Oppositionellen-Imitat war, warum sollte Putin ihn dann an der Kreml-Mauer erschießen lassen? Das ergibt nicht wirklich Sinn, oder? Und wie bitte will man ein Referendum imitieren? Waren die Leute, die abgestimmt haben, etwa nur von Putin bezahlte Schauspieler? Aber gut, im Deutschlandradio reicht es ja auch aus, irgendeinen Schmarrn zu behaupten, kritisch hinterfragt wurde dort schon lange nichts mehr.

Aber verweilen wir ruhig ein paar Zeilen lang beim Krim-Referendum. In den deutschen Nachrichten wurde das Progrom von Korsun, das diesem vorausging, komplett unterschlagen. Stattgefunden hat es definitiv, aber ob es dabei nun tatsächlich zu Todesfällen und Verschleppungen kam, ist nicht sicher zu beantworten. (In Anbetracht der Vorfälle beim späteren Massaker von Odessa [2] wäre es aber absolut denkbar.) Es hat jedoch in Verbindung mit der russischen Bevölkerungsmehrheit auf der Krim und den Handlungen der Putschisten in Kiew massiv zu einer antiukrainischen Stimmung auf der Halbinsel beigetragen. Das hier tatsächlich eine Mehrheit für die Abspaltung stimmte, ist völlig nachvollziehbar. Dieses Meinungsbild wurde auch durch eine unabhängige Studie des Pew-Forschungsinstitus bestätigt, nach der 88% der Krimbewohner die Separation samt Anschluss an Russland befürworteten.

(Russischer Mann, vermutlich besagter Emil Pain auf Russisch)

Übersetzung Deutschlandradio:  Heute ist alles komplizierter und gerissener, es gibt ein anscheinend großes politisches Betätigungsfeld und einige angeblich freie Medien. Radio Echo Moskau zum Beispiel, sogar ein amerikanisches Wissenschaftszentrum, das KANIK (?). Alle wissen, dass sie, um zu überleben, loyaler, nachgiebiger sein müssen, und genau das tötet wahre Opposition. Dieses weiche Kissen erstickt das Dissidententum.

Mag stimmen. Allerdings sind echte Menschenrechtler auch im Westen nur dann gern gesehen, wenn sie die von ihnen gefundenen Menschenrechtsverletzungen leise und vorzugsweise andernorts anprangern. Aber gut, prinzipiell ist die Kritik von Emil Pain berechtigt.

(Traurige russische Musik)

Opposition sei nützlich, hat Präsident Putin gestern während des über viereinhalbstündigen Fernsehmarathons versichert. Zur gleichen Zeit führte die Polizei eine Razzia bei Open Russia durch, eine Organisation die der 10 Jahre inhaftierte und 2013 begnadigte Michail Chodorkowski gegründet hat. Chodorkowski hatte vor wenigen Tagen Putin scharf angegriffen, aus sicherer Entfernung, aus dem Ausland.

Versucht das Deutschlandradio uns jetzt allen Ernstes Chodorkowski und seine Lakaien als Menschenrechtler und Systemkritiker zu präsentieren? Holla, liebe Sabine, was hast du denn bitte geraucht? Der reichste Verbrecher Russlands, der von sich selbst sagte, dass er nicht nur Parlamente, sondern auch Wahlergebnisse kaufen könne, wird nun zum lupenreinen Demokraten? Hier mal eine alternative Schilderung seines Werdegangs, die die schmutzigeren Stellen nicht unter den Teppich fallen läßt. [2]

(Genuschel von Chodorkowski)

Um das jetzige Machtsystem zu rechtfertigen, braucht es einen Krieg. Die inneren Feinde in Gestalt der unabhängigen Unternehmer sind vernichtet, sagte Chodorkowski bei einen Vortrag an der Universität Stanford. Und um die russischen Massen jetzt hinter die Kleptokratie zu versammeln, braucht es einen äußeren Feind.

Zugegeben, wenn einer was von Kleptokratie versteht, dann Chodorkowski. Allerdings ist der Mann nicht unbedingt für seine Wahrheitsliebe und Unvoreingenommenheit bekannt. Grundsätzlich ist die Beschwörung von realen oder eingebildeten äußeren Feinden jedoch eine Supergelegenheit, um der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen und von realen Problemen abzulenken. Das gilt allerdings nicht nur in Russland.

Auch die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa erfährt immer wieder neu, das russische System legt den Aktivisten Steine in den Weg, wo immer es geht. Dennoch könne auch Putin das Rad nicht komplett zurückdrehen.

(Russische Oma, vermutlich besagte Ljudmila Alexejewa, auf Russisch)

Übersetzung Deutschlandradio: Verhältnisse wie zu Sowjetzeiten sind nicht möglich. Früher gab es kein Privateigentum, und die Leute können heute reisen. Als wir 1976 die Helsinki-Gruppe gründeten, hat uns der KGB gewarnt, dass wir uns verfassungsfeindlich verhalten. Das stimmte, denn damals mußten einer gesellschaftlichen Organisation mindestens 3 Mitglieder der KPdSU angehören.

Ein kleiner Einwurf sei hier gestattet: Privateigentum gab es auch zu Sowjetzeiten, was es nicht gab, war Privateigentum an Produktionsmitteln, also an Betrieben.

Was bei ihrer Helsinki-Gruppe nicht der Fall war. Die Untergrundorganisation war viele Jahre die einzige Oppositionsbewegung in der ganzen Sowjetunion.

(Traurige, russische Musik im Hintergrund)

Die heute 87-Jährige macht sich auf einen baldigen Wandel keine Hoffnungen. Anders als sein Vorgänger Jelzin gebe Putin keine Fehler zu. Somit sei kein Kurswechsel zu erwarten.

Der Alkohol-Bär Jelzin hat Fehler zugegeben? Wann denn bitte? Hat er auf einer Party mal aus Versehen die Mineralwasserflasche anstelle des Wodkas erwischt? Dank ihm konnten Gestalten wie Chodorkowski erst zu superreichen Oligarchen werden. Dafür hatte er sogar gegen das eigene Parlament geputscht, was allerdings hier im Westen und wohl auch beim Deutschlandradio keine Sau interessiert hat. Die neoliberalen Reformen, die Jelzin dank seines Putsches durchsetzen konnte, führten zur Verschleuderung der russischen Großkonzerne an einige wenige Oligarchen in einem mehr als nur nebulösen Auktionsverfahren auf Einladung.

 (Russischer Mann, vermutlich Putin, auf Russisch)

Die Versuche westlicher Geheimdienste für ihre Ziele nicht-Regierungsorganisationen und politische Vereinigungen zu benutzen, haben nicht aufgehört, sagte Putin kürzlich vor Mitgliedern des FSB-Geheimdienstes. Vor allen um die russische Regierung zu diskreditieren und die innenpolitische Lage zu destabilisieren, dabei werden bereits Aktionen geplant, die während der Wahlkämpfe 2016 und 18 stattfinden sollen.

Damit hat Putin vermutlich Recht. Allerdings wollte Frau Adler das nun sicher gerade nicht sagen. Deswegen wird auch gleich im Anschluss das „richtige“ Fazit gezogen.

(Traurige russische Musik)

Die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa ist bitter enttäuscht von ihrem Land, das über 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion Krieg führt gegen Nachbarn und kaum jemand dagegen protestiert.

(Russische Oma, vermutlich besagte Ljudmila Alexejewa, auf Russisch)

Übersetzung: Die heutige Propaganda unterscheidet sich sehr von der des kalten Krieges. Sie ist viel gemeiner, wütender und einschüchternder. So war das früher nicht, zumal die, die damals die Propaganda verbreiteten, das doch sehr mechanisch taten ohne selbst davon überzeugt zu sein. Heute glauben meine Mitbürger, was man ihnen erzählt. Sie wirken unerfahren, infantil, und sind schrecklich leicht zu betrügen.

Russland führt Krieg gegen seine Nachbarn? Kommt dieser Schwachsinn von der 87-jährigen multiplen Menschenrechtlerin oder hat sich Sabine Adler das so ausgedacht? Richtig ist es jedenfalls nicht. Selbst Wesley Clark, jener Ex-Natogeneral, der sich beim Thema IS so aufschlußreich verquasselt hat, datiert den erwarteten russischen Angriff 30 bis 60 Tage in die Zukunft. Die FAZ weiß das dank NATO auch. Nur den Franzosen und der OSZE hat keiner erklärt, woran man unsichtbare Russen und deren Panzer [2] erkennt, weswegen sie diese irgendwie übersehen haben. [2] Sei’s drum. Frau Adler dachte sich vermutlich, dass eine Lüge, so man sie nur ausreichend oft wiederholt, dann irgendwie schon wahr wird.

Tatsächlich ist es so, dass Russland höchstwahrscheinlich die Separatisten in der Ostukraine unterstützt. Dies geschieht jedoch nachweislich nicht über reguläre russische Armeeverbände im Donbass, sondern bestenfalls mittels der Überlassung alter Waffen- und Munitionsbestände. Sicherlich gibt es auch im begrenzten Umfang personelle Unterstützung, ob diese allerdings angeordnet wurde oder ob es sich um freiwillige Hilfe handelt, die von Russland nur toleriert bis gefördert wird, ist unbekannt.

Was nun Ljudmilas Einschätzung ihrer Landsleute angeht, so sind diese heutzutage eher schwerer zu betrügen als früher. Immerhin haben sie die harte Schule des neoliberalen Raubtierkapitalismus eines Chordorkowkis durchlaufen müssen.

Die russische Propaganda wird von der Bevölkerung nicht etwa deswegen geglaubt, weil die Menschen infantiler wurden, sondern weil die Überzeichnung leider nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist, wie wir uns wünschen würden. Der Westen ist hier nicht „der Gute“, der nur Freiheit und Demokratie in die Ukraine bringen möchte. Der Westen ist vielmehr ein Akteur, der die Ukraine im Auftrag der USA gezielt destabilisiert hat. Aber warum?

An dieser Stelle wird es komplex. Damit der Blogpost aber nicht noch weiter ausufert, lasse ich so ganz auf die Schnelle einfach mal einen äußerst unsympathischen Kotzbrocken namens Zbigniew Brzeziński antworten:

Es ist von fundamentaler Wichtigkeit, dass kein eurasischer Herausforderer die Bühne betritt, der in der Lage ist, Eurasien zu dominieren und somit Amerikas Vormachtstellung zu gefährden.

Das stammt aus dem Vorwort zu „The Grand Chessboard – American Primacy and its Geostrategic Imperatives“. [1] [2] Der Herausforderer, dessen Auftritt verhindert werden soll, ist nebenbei nicht Russland, sondern vielmehr China. Das große Ziel besteht darin, Chinas Wachstum mittels der Kontrolle der verfügbaren und von China dringend benötigten Energieträger zu überwachen und zu steuern. Und hier wiederum kommt dann Russland, der weltgrößte Lieferant von Energieträgern ins Spiel. Wenn es den USA gelingt, Russland nachhaltig zu schwächen und gleichzeitig die Kontrolle über die großen, russischen Energielieferanten wie GazProm zu erlangen, kann die Transition Chinas zur zweiten Supermacht verzögert, vielleicht sogar verhindert werden.

Wer sich für amerikanische Globalstrategie interessiert, dem seien die Bücher von Zbigniew Brzeziński, der unzweifelhaft ein absoluter Kenner der Materie ist, wärmstens empfohlen.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, aufzuzeigen, dass das Deutschlandradio und seine Qualitätsjournalisten die Wahrheit und ihre journalistische Integrität mittlerweile als  sehr dehnbare Begriffe aufzufassen scheinen. Wahres und Falsches wird verwoben, als Ergebnis entsteht bestenfalls ein Journalismusimitat. Schade. Sehr schade.

Apr 142015
 

Da sich einige wenige Leser meines Blogs daran störten, dass ich es wage, meine persönlich Meinung in meinen persönlichen, auf der Hauptseite verlinkten Blog zu verbreiten, habe ich mich entschlossen, damit zwar nicht aufzuhören aber diese Beiträge zumindest leichter kenntlich zu machen. Sie werden daher in Zukunft kurz und knapp über die Zeichenkette *IMHO* gelabelt. So können sie leicht aussortiert werden von jenen, die lieber nur die mit *NEWS* gekennzeichneten News lesen wollen oder aber die sonstigen, nur das Archiv betreffenden Beiträge.

In letzter Zeit finde ich in unseren Medien, soviele Fehldarstellungen, hahnebüchene Übertreibungen und oftmals unverhohlene Propaganda, das es schwer fällt, dazu die Klappe zu halten. Ich werde aber versuchen, bei der Behandlung der Themen den Sarkasmus soweit wie möglich zurückzufahren, damit sich jeder Leser des Blogs anhand der Quellen, die ich ja üblicherweise mitliefere, ein eigenes Bild machen kann. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass ich es schaffe, komplett neutral zu schreiben, dazu kocht es dann, wenn man mal wieder schamlos für dumm verkauft werden soll, doch ein wenig zu sehr in den Adern.

Zweifellos wurde der geneigte Leser in den letzten Monaten von allen Seiten mit russischer Propaganda bombardiert. Nein? Berthold Kohler von der FAZ sieht das allerdings ein wenig anders. Da versucht der Kreml über das Internet in die Köpfe der Deutschen Medienkonsumenten hineinzugelangen. Zum Glück funktioniert das jedoch nicht, denn eine aktuelle Studie des Allenbach-Instituts konnte feststellen, dass die Mehrheit der Bevölkerung der Darstellung der deutschen Mainstreammedien glaubt. Das ist schön, beweist es doch dass unsere eigene Propaganda Wirkung zeigt – im Gegensatz zur allgegenwärtigen russischen. (Für jene, die meinen, dass wir durch unsere Massenmedien im Bezug auf die Ukrainekrise und Russland korrekt informiert werden, kommen in Kürze einige Artikel, die aufzeigen werden, dass in diesem Zusammenhang der Begriff „Propaganda“ nicht leichtfertig gewählt wurde.)

Aber warum ist die Kommentarlage in den noch-nicht-geschlossenen Internetforen der großen Rundfunkanstalten und Tageszeitungen dann nicht so protransatlantisch, wie sie sein sollte? Auch darauf gibt es natürlich eine einfache Antwort: Bezahlte, russische Internettrolle schreiben in deutschen Foren getarnt als deutsche Foristen prorussische, putinfreundliche Kommentare. (Alternative Versionen in BILD, Focus, Welt, AFP.) Man sollte vielleicht erwähnen, dass sich die im Artikel bezeichnete Ljudmilla Sawtschuk von der von AFP & Friends kolportierten Darstellung distanziert hat. Eine von ihr als korrekt bezeichnete Version der Geschichte fände sich im Guardian. Festzuhalten bleibt allerdings, dass die 400 russischen Internettrolle primär in russischen Foren unterwegs sind, einige mit den entsprechenden Sprachkenntnisse auch in englischen. Für wie blöd hält man uns, wenn man uns weismachen möchte, dass die oft sehr gut formulierte Medienkritik in deutschen Internetforen von 400 russischen Internettrollen aus Sankt Petersburg stammt?

Ich möchte diese russische Variante der Meinungsmanipulation nicht gut heißen, aber es mag an dieser Stelle nicht schaden, wenn man den geneigten Leser auf ein paar Vorgänge hinweist, die für unsere Medienlandschaft eher keine Aufreger sind. Wie soll man beispielsweise dieses Stellengesuch der amerikanischen Botschaft betiteln, wenn nicht als Ausschreibung für Internettrolle? Das Problem, der Meinungsbeeinflussung existiert natürlich auch andernorts, wer also gerne für Israel trollen möchte, sei auf dieses Stellenangebot hingewiesen. Natürlich kann man gerne auch für die Ukraine trollen. Mit angeblich 35.000 Anmeldungen bereits am ersten Tage, dürfte diese Truppe der russischen zahlenmäßig weit überlegen sein.

Aber das wirkt alles recht dilletantisch. Da machen es die Briten mit ihren neuen Social Warriors schon besser. Und völlig unverhohlen. Technisch am fortschrittlichsten an der Trollfront sind allerdings unsere transatlantischen Freunde in Übersee; hier wurde dank Edward Snowden bereits im Jahre 2011 bekannt, dass das Pentagon eine Software entwickelt, die gefakte Internet-Identitäten erstellt, um so die Meinungsbildung in den sozialen Medien der nicht-englischsprachigen Welt zu manipulieren. Um eine Enttarnung zu verhindern, soll diese Software zudem sicherstellen, dass jede gefakte Identität über einen überzeugenden Hintergrund samt schlüssiger Biographie verfügt.

Wer glaubt, dass unsere amerikanischen Supermächtler solche Dinge nur rein theoretisch machen, der sollte sich einmal mit den Cuban Twitter Scam befassen, dabei handelte es sich um eine Art Twitter-Dienst namens ZunZuneo, dessen Ziel darin bestand, soziale Unruhe zu generieren. Aber verglichen mit dem, was wir dank Edward Snowden erfahren konnten, war das wohl wirklich nur ein Tropfen auf den heißen Stein der amerikanischen Internet-Propaganda. (Und wenn wir hier schon beim Thema Kuba sind, wer von meinen Lesern weiß, was Operation Northwoods war? 😉 )

Falls hier jemand an einer Fortbildung zum Internet-Troll interessiert ist, verlinke ich noch das entsprechende amerikanische Schulungshandbuch. Kann ja schließlich nicht schaden.

Die Liste westlicher Propagaeinrichtungen ließe sich nebenbei noch beliebig lange fortsetzen. Sollte ich vielleicht noch das aus westlichen Quellen mitfinanzierte Ukraine Crisis Center erwähnen? Oder vielleicht Radio Free Liberty, das nachweislich lange Jahre direkt über die CIA finanziert wurde? Ganz ehrlich, dagegen wirkt RT Deutsch wie ein katholischer Knabenchor.

Fazit für mich: Ich konsumiere eine Menge Nachrichten aus den verschiedensten Quellen. Am massivsten bemerke ich zur Zeit die protransatlantische, antirussische Propaganda, russische Internettrolle in Deutschland halte ich dagegen für ein Märchen. Ich bin davon überzeugt, dass die medienkritischen Kommentare in den großen Foren von Muttersprachlern stammen. Was nun russische Propaganda angeht, so existiert diese durchaus. Allerdings ist sie in den deutschsprachigen, von Russland finanzierten Medien meist recht dezent gehalten, in den russischsprachigen Medien dagegen kommt sie massiv daher. Man darf dabei aber eines nicht vergessen: Die simple Tatsache, dass eine Seite Propaganda verbreitet, bedeutet noch nicht, dass sie für eine bestimmte Situation veranwortlich ist, es zeigt jedoch, in welche Richtung und in welcher Weise sie die öffentliche Meinung beeinflussen möchte. Wenn man diese Richtung erkennt, kann man sich fragen, wie die jeweilige Seite von der entsprechenden Beeinflussung profitiert. Und wenn unsere Mainstreammedien wegen der russischen Internettrolle mit Steinen werfen wollen, dann sollte man nicht vergessen, dass sie nicht in einen Glashaus sitzen, sondern in einer kompletten Glasmetropole.

Danke für eure Aufmerksamkeit.

Feb 242015
 

Nach momentan noch unbestätigten Berichten soll das neue Ministerium, dessen Aufgabe darin bestehen wird, den Bürgern die aktuelle staatliche Realität zu vermitteln, die Räumlichkeiten und das Personal des Auswärtigen Amtes nutzen. In einem ersten Feldversuch wurde dazu vom Auswärtigen Amt ein Rundschreiben publiziert, das an alle Angestellten und Parlamentarier verteilt wurde. Die Verlesung durch den derzeitigen Grüßaugust Bundespräsidenten Gauck steht allerdings noch aus. (Die Süddeutsche berichtete als erste über den Vorfall. Allerdings ohne die wahre Bedeutung auch nur ansatzweise zu erkennen.)

Für alle Interessierten kann dieses bemerkenswerte erste Neusprech-Dokument einer neuen Ära der Wahrheit allerdings auch direkt hier eingesehen werden. Das zu erwartende historische Interesse vorwegnehmend habe ich es nämlich patritotisch in die Mediathek des Blogs hochgeladen.

Man beachte, wie es bereits im Kopfbereich gut losgeht. „Russische Behauptungen“! Die Einsicht, dass an der offiziellen Version des Ukrainekonfliktes mehr als nur einzelne Details faul sind, kam dem deutschen Wahlvieh nämlich ganz offensichtlich nicht, weil die aktuelle Propaganda vorn und hinten keinen Sinn ergibt, sondern weil es von üblen russischen Agenten gehirngewaschen wurde. Das ist natürlich plausibel. Danke liebes Wahrheitsministerium.

Mit erstklassiger Rabulistik geht es weiter. Beispielsweise wird bei der Widerlegung der ersten Behauptung gar nicht auf selbige eingegangen. Das wäre allerdings auch schwierig geworden, nachdem Victoria „Fuck the EU!“ Nuland leicht nachprüfbar erklärt hat, dass die USA bereits über 5 Milliarden Dollar in die Entwicklung „demokratischer Strukturen“ in der Ukraine investierten.

Sollte es da noch interessieren, dass nach einer Untersuchung des kanadischen Politikwissenschaftlers Ivan Katchanovski die Scharfschützenmorde von Positionen aus begangen wurde, die von Mitgliedern des Rechten Sektors besetzt waren? Zumindest kann man allen Ernstes behaupten, dass das zukünftige Wahrheitsministerium genauso massiv an der Aufklärung dieser Morde interessiert ist, wie die derzeitige ukrainische Führung, die ja letzten Endes dank ihrer erst an die Macht kam. (Neusprech: Es gab keinen Putsch, der Präsident war nur zufällig geflohen.)

Schön auch die Widerlegung von Behauptung 2. Selbstverständlich gibt es in Kiew keine Faschisten. Der allerorten anzutreffende Bandera-Kult ist eher sowas wie neue ukrainische Folklore. Und die ganzen Bilder mit Hakenkreuzfahnen und diversen SS-Runenzeichen, die man unweigerlich findet, wenn man beispielsweise mal nach dem Azow-Bataillon googelt, wurden zweifellos alle von russischen Agenten platziert. Höchst unerwähnenswert ist auch, dass die Volksfront des amtierenden Regierungschefs Jazenjuk, die durchaus eine stattliche Quote bekannter Rechtsnationalisten wie beispielsweise Andriy Parubiy und anderer Milizenführer aufweist, über 21 Prozent der Stimmen erhielt, was wiederum keinesfalls auf die extrem aggressive, antirussische und antiseparatistische Propaganda zurückgeführt werden darf.

Sei’s drum. Das neue Wahrheitsministerium erklärt uns die selbige. Das ist doch durchaus was zum Feiern. Endlich wird das Leben wieder einfach und überschaubar. Quasi wie zu DDR-Zeiten, auch wenn die Propaganda damals nicht ganz so orwellianisch daher kam.

Als Schlußnote sei noch erwähnt, dass wir laut dem Vize-Kommandeur der Nato für Europa General Bradshaw momentan existienziell von Russland bedroht werden. Vergessen wir also nicht, dass Deutschland nicht nur am Hindukusch, sondern ganz offensichtlich auch im Donbass verteidigt werden muss. Dringendst!

Krieg ist Frieden!

Nachtrag: Die aktuelle russische Hasswoche wird auf unbestimmte Zeit verlängert. Die aktuelle (momentan noch unliquidierte) Unperson Nummer 1 bleibt Meuchel-Putin, der Schlächter.

 

Dez 172014
 

Zu Beginn möchte ich auf ein Interview mit dem Theologen Eugen Drewermann verweisen, dessen Grundaussagen ich vorbehaltlos zustimmen kann: Wer für den Frieden ist, ist gegen Gewalt. Verlinkt sei auch ein Youtube-Video seines Friedensappells vom 13.12.2014 vor dem Schloss Bellevue, das ja momentan der Amtssitz eines keineswegs friedlichen Ex-Pfarrers ist.

Auf der anderen Seite des großen Teiches ist die Ablehnung von Gewalt eher kein Thema.  Nach einer aktuellen CBS-Umfrage sind nur 36% der Amerikaner gegen den Einsatz von Folter, 49% sind dafür, 4% sind unter bestimmten (nicht näher spezifizierten) Voraussetzungen dafür. Unter den befragten Republikanern empfanden 73% den Einsatz von Folter als gerechtfertigt.

Allerdings ist das mit Statistiken ja immer so eine Sache. Um zu veranschaulichen, dass es nicht geraten ist, jeder statistischen Aussage ungeprüft zu vertrauen, bringe ich mal ein besonders freches Beispiel:

Als Reaktion auf den Aufruf „Nicht in unseren Namen„, der für eine Politik der Entspannung in Europa eintrat, folgte der unter anderen von Rebecca Harms von den Grünen (Ihr wißt schon, die Ex-Friedenspartei. Dazu hatte Max Uthoff nebenbei in seinem Solo in der Anstalt vom 09.12 auch noch etwas anzumerken.) mitinitierte Gegenaufruf „Friedenssicherung statt Expansionsbelohnung„. Dieser wurde quasi nur von Experten unterzeichnet.

Im Gegenaufruf findet man neben vielen anderen Ungenauigkeiten und Lügen dann auch soetwas: „Außenpolitisch versierte Journalisten werden sich erinnern, dass damals circa drei Prozent der Bevölkerung der Russischen Föderation einen Nato-Beitritt der Ukraine und Georgiens als Hauptgefahr für ihr Land ansahen.“ Den Link zur Sekundärquelle habe ich belassen. Auf Seite 5 findet man dann auch die Tabelle, auf die sich die Experten (Ich kann die Anführungsstriche gar nicht so fett machen, wie sie für diese Truppe eigentlich sein müßten.) beziehen. Die Fragestellung von April 2008 lautete: „Was glauben Sie, was sind die Hauptgefahren, die die Existenz unseres Staates bedrohen?“ 49% der Befragten waren durch diese Fragestellung überfordert und haben sie nicht beantwortet. Die restlichen 51% verteilen sich über 17 (!) verschiedene Optionen. Und man sollte vielleicht auch noch erwähnen, dass diese Umfrage vor dem georgischen Angriff auf Südossetien vom 08.08.2008 durchgeführt wurde.

Wir haben hier also eine Frage, die zu keinem brauchbaren Ergebnis gelangte, das wiederum von sogenannten Experten für eine Aussage instrumentalisiert wurde, die überhaupt nichts damit zu tun hat.

Zu guter Letzt möchte ich alle politisch Interessierten auf eine Analyse des Politikwissenschaftlers Ivan Katchanovski hinweisen, der über Monate die Aufzeichnungen zum Maidan-Massaker analysiert hat. Der öffentlich zugängliche Bericht belegt, dass aus von Maidankräften besetzten Häusern auf Berkut, Demonstranten und Journalisten gefeuert wurde. Der betreffende TP-Artikel findet sich hier, ein Interview mit Ivan Katchanovski hier.

Dez 152014
 

Wer glaubt, dass der öffentlich-rechliche Rundfunk in Deutschland seinem Auftrag entsprechend unabhängig und objektiv informieren würde, wurde bereits durch die Berichterstattung zur Ukrainekrise eines Schlechteren belehrt, tatsächlich findet man jedoch wesentlich mehr Propaganda. Hier einmal ein Beispiel aus den ARD Tagesthemen vom 10.12.2014 22:15.

Ab ~ 04:40 geht es dabei um Veröffentlichung der Zusammenfassung des CIA Folterberichts. (Der komplette Bericht soll über 6.000 Seiten besitzen.) Nach einer kurzen Einleitung geht es dabei nicht, wie man hätte erwarten können, um amerikanische CIA-Folteropfer, sondern ein Tschetschene (Magomed Abdurahmanov) wird präsentiert, der nach eigener Aussage nach dem Verlassen eines Busses von russischen Soldaten aufgegriffen und 2 Tage lang gefoltert wurde. Er sei geschlagen worden, man habe ihm befohlen, seinen Peinigern ins Auge zu sehen, er sollte seine Freunde verraten. Alles in allen ergibt die Geschichte nicht sonderlich viel Sinn, aber es mag durchaus möglich sein, dass russische Soldaten den eigenen Frust über gefallene Kameraden oder auch nur schnöden Sadismus auf verbrecherische Weise durch Folter Ausdruck verliehen. Ein offizieller Auftrag, wie bei den netten Patrioten von der CIA, ist allerdings höchst unwahrscheinlich. In Russland ist man sich durchaus bewußt, dass man durch Folter keine verlässlichen Informationen bekommt. In Amerika im Prinzip auch, allerdings ging es bei der Folter von Terrorverdächtigen gar nicht um verlässliche Informationen, sondern darum, die richtigen Schuldigen für 09/11 zu benennen.

Aber zurück zu den Tagesthemen. Die Präsentation eines gebrochenen, tschetschenischen Folteropfers suggeriert im Endeffekt, das quasi überall gefoltert wird. Und richtig übel durch die fiesen Russen, denen ja sowieso alles zuzutrauen ist. Da kann man auf Nachfragen und Logik auch mal verzichten.

Da es im Bericht allerdings um den CIA geht, muss auch noch ein CIA-Folteropfer gezeigt werden. In diesem Fall ab ~ 6:50 Murat Kurnaz, der 5 Jahre ohne Anklage in Guantanamo Bay festgehalten und gefoltert wurde. Seine Folter bestand nach eigener Aussage aus Schlägen, Waterboarding und Schlafentzug, er wurde stundenlang an Ketten aufgehängt und Hitze, Kälte und Elektroschocks ausgesetzt. Und was nehmen die Tagesthemen, die -weiß Gott- genug Archivmaterial mit Herr Kurnaz haben dürften? „Das schlimmste war der Schlafenzug, sagt er, und das System aus Belohnen-Strafen-Belohnen-Strafen. Auch mit Kleinigkeiten: So bekam er eine Decke, nur damit man sie ihm wieder wegnehmen konnte.“ Ende der Durchsage. Wir lernen also, russische Schergen bringen einen Tschetschenen innerhalb von 2 Tagen mittels bestialischer Folter soweit, dass er sich nur noch wiegend durchs bundesdeutsche Sanatorium schleppen kann, im Gegensatz dazu sind 5 Jahre Guantanamo aber eigentlich recht relaxt, wenn man mal davon absieht, dass der CIA einem die Kuscheldecke wegnehmen könnte. Dazu paßt auch, dass Murat Kurnaz mental und körperlich einen wesentlich solideren Eindruck macht als Magomed Abdurahmanov.

Zum Abschluss wird noch erwähnt, dass der CIA hier mit staatlicher Billigung gehandelt habe. Dies ist zumindest beschönigend, wenn nicht sogar glatt gelogen, denn hier ging es nicht um stillschweigende Billigung, was auch schon schlimm genug wäre, sondern tatsächlich um einen offiziellen Auftrag.

Dez 112014
 

Nachdem Markus Kompa bereits in der Vergangenheit anläßlich der Asylverlängerung und einer von hiesigen Politikern gefeierten Filmpremiere über E. Snodow berichtete, der im freiheitlich-demokratischen Westen primär durch seine schonungslose Offenlegung abgefeimter, russischer Spionagepraktiken einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte, folgte nun ein weiterer Beitrag zur Verleihung der Obama-Medaille für Menschenrechte an diesen nach wie vor weitgehend und zu Unrecht unbeachteten Dissidenten. Bundespräsident Gauck ließ seinerseits Glückwünsche zur Ehrung übermitteln, monierte jedoch, daß in westlichen Medien viel zu wenig auf  die Verbrechen Russlands eingegangen würde.

Es mag optimistisch stimmen, dass zumindest vereinzelt hippe, grüne Jungpolitiker tapfer gegen diese Mauer des Schweigens ankämpfen. (Grün ist die Hoffnung.) Und auch das neugegründete ukrainische Ministerium für Wahrheit wird zweifellos am westlichen Desinteresse zu kratzen versuchen.

Wir fordern Freiheit für Ion Kiriakowitsch. Wir fordern die schonungslose Offenlegung des russischen Folterberichtes. Der Rechtsstaat darf sich dem Unrechtsstaat nicht beugen!

Nov 102014
 

Zum 25sten Jahrestag des Mauerfalls wurde der ehemalige DDR-Barde Wolf Biermann in den Bundestag geladen. Ich hatte ursprünglich vor, zu dessen peinlichen Auftritt ein paar Worte zu schreiben, habe mich aber entschlossen, den fälligen Nachruf auf diesen Sänger von der traurigen Gestalt lieber Herrn Haejm zu überlassen, der hierfür sowohl über die besseren Worte wie auch über die komplettere Perspektive verfügt.

Der Beitrag von Herrn Haejm kann auch auf dessen persönlicher Webseite eingesehen werden.  Es ist hier textlich unverändert, ich habe allerdings einige Passagen zur Illustration mit zusätzlichen Links unterlegt.

Ich weiß nicht genau, welches Gefühl dem Kollegen Wolf Biermann gegenüber vorherrschender ist, Berufsscham oder Mitleid. Das Fehlen von Zorn ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich, denn auf Biermann kann man sowenig böse sein, wie auf einen senil gewordenen Narren, der sich prostituiert. Wie soll man es nennen, wenn ein vor 38 Jahren aus der DDR ausgebürgerter Barde, die Abgeordneten der Linken im Bundestag – von denen die Allerwenigsten ein Alter oder eine Herkunft haben, die mit den Verhältnisse im erzwungenen deutschen Nachkriegssozialismus irgendetwas zu tun haben können – als „Brut“ jenes Drachen beschimpfte, gegen den er einmal angesungen hatte, was ihm offenbar eine lebenslange Alimentierung durch seine Auftraggeber eingebrachte.

Wolf Biermann, der „wahre Kommunist“, der sich in der Nachfolge eines Bert Brecht sah und 1953 aus freien Stücken in die DDR übergesiedelt war, um dem Sozialismus seine Talente zur Verfügung zu stellen, merkte wohl irgendwann, dass man nur durch Förderung der anderen Seite berühmt werden und seine Familie mit Kunst ernähren konnte. So begann – ich reime es mir zumindest so zusammen – vielleicht Anfang der Siebziger eine wirklich gutgemachte Inszenierung a la Hollywood, die einige wirklich gute Lieder hervorbrachte. Ich kann nur hoffen, dass wir nicht vollständig auf eine Schimäre und „Heiligenlegende“ hereingefallen sind. Im Gegenzug hat die SED übrigens auch gewiss ein paar linken Künstlern im Westen „unter die Arme gegriffen“, wenn auch mit bescheidenem Erfolg.

Als kritischer Barde, der seinen Platz zwischen den Parteien suchte, hattest du im Westen Null Chance. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich spreche. Die Medien taten im Westen, als gäbe es dich überhaupt nicht. Du mußtest entweder englisch singen oder dich zum Deppen machen, vom dem sich irgendein Verlag einen kommerziellen Erfolg versprach. Entweder du liessest dich zur musikalischen Ware degradieren oder du konntest durch Kleinkunstbühnen tingeln, die aber auch keine polischen Lieder wollten. Kritik war – wenn überhaupt – nur in homöopathischen Dosen oder in seichter Form als Klamauk erlaubt. Dies schreibe ich als Zeitzeuge den Nachgeborenen, die vielleicht meinen, im Westen hätte es die große Freiheit gegeben und im Osten nur Friedhofsruhe. Ein Beispiel, wie ich diese gekauften Medienaffen einmal austrickste: Zum Nürnberger Bardentreffen wurde ich 1984 eingeladen, weil ich im Jahr zuvor recht erfolgreich war. Da ich mich aber mit einem gestellten Foto in Lederhosen bewarb, suchte sich das Fernsehen mich zur Eröffnung aus und meine kritischen Lieder gingen live über den Sender, was so gar nicht der Spasserwartung der Medienleute entsprach, sie haben mich nie mehr eingeladen. Eine stundenlange Fernsehausstrahlung eines ganzen Konzertes dagegen, wie bei Biermann, wurde als Propagandashow von ganz oben angeordnet, es hat derartiges weder zuvor noch danach noch einmal gegeben.

Im Westen revoltierten die Studenten gegen die alten Nazis an den staatlichen Führungsstellen, gegen den Völkermord der Amis in Vietnam, gegen den Mörderschah aus Persien, gegen die Verlogenheit und Verkrustung des kapitalistischen Systems. Es war die Zeit der 68iger Revolte, des Flower Power, von Black Power. Die Köpfe waren voll revolutionärer angloamerikanischer Musik, wobei ich hier revolutionär im musikalischen Sinn meine, auch wenn Songtitel wie „Masters of War“, „Universal-Soldier“ und „Streetfighting-Man“ die Ohren besetzten. Mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR hatten die Unzufriedenen nichts am Hut, denn auch sie waren Kinder Springers und Hollywoods. Doch darauf wollten sich die Schlapphüte des Westens lieber nicht verlassen und so machten sie an tausend Fronten der DDR das Überleben so schwer wie möglich. Dies einmal im Einzelnen aufgelistet zu bekommen, können wir wohl nur erhoffen. Für die arbeitenden Massen genügte zur Verdummung die Springerpresse und die drei öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle. Für die Studenten mußte noch etwas Intelligenteres dazu kommen. Da kam wohl der erfolglose kommunistische Träumer Wolf Biermann gerade recht, der gerne den Eindruck erweckte, er sei ein wahrer Linker und kein so rotgeschrubbter Hintern „mit Stalins hartem Besen, dass heute rot der Hintern ist, der früher braun gewesen…“. So wurde er zu einer Identifikationsfigur für die westlichen Protestierer und verhinderte, dass diese an der DDR irgendetwas symphatisch finden konnten, was ja auch wirklich nicht leicht war, denn wer versehentlich, etwa bei den Nachrichten eines Ostsenders hängenblieb, der hatte leicht seinen sprachlichen Schock fürs Leben. So nahm man Biermann gerne ab, dass er sich als intelligenter Mensch vor einem solchen langweiligen und todernsten System nur verfolgt fühlen konnte. So fiel seine Suggestion, er würde nach wirklichem Sozialismus streben, also nach einer gerechten Gesellschaft, ohne spießigen DDR-Mief, bei vielen von uns auf fruchtbaren Boden. Eine der Strophen in seinem großen Fernsehkonzert 1976 war: „wir brauchen eine KP, wie ich sie wachsen seh, unter Italiens Sonnenschein: so soll es sein“. Auch wer kein Linker war stimmte da gerne zu, denn eine solche weltoffene KP würde unserem Land auch guttun.

Diese naive Hoffnung, die wir mit Biermann verbanden, kann auch ein wenig als Entschuldigung dafür gelten, dass uns seine manchmal sehr affektierten Reime und seine übertriebene Pose nicht abschreckte. Oder die Existenz eines so schwachsinnigen Liedes wie das Familienbad, in der sich ein Spießbürger in der Badewanne in einen blutrünstigen Hai verwandelt. Mir missfiel dieses Lied sehr und brachte mich in Distanz zu Biermann, das war etwa 1970. Doch Freunde führten mich immer wieder an Biermanns andere Lieder heran, etwa „Soldat, Soldat“ oder geniale Sätze wie: „Wohlstand wollen wir gerne anstatt, dass uns am Ende der Wohlstand hat“, oder „..und Frieden ist uns nicht mehr nur ein Wort aus Lügnerschnautzen für Massenmord“, oder: „Freiheit von Freiheitsdemagogie“ oder „auch Liberale werdn wir befreien…“. Dann gab es da aber auch Strophen, die ich als egoistische linke Spinnerei abtat, etwa: „Kein Paar wird uns mehr geschasst, zu lebenslänglichem Eheknast…“. Da hatte ich einen unendlich konservativeren Ansatz, denn in einer Zeit in der die Familien zerfielen und Kinder und Alte die Leidtragenden waren, hasste ich solche linken Phrasen, die aber vermutlich für nicht wenige Hörer das attraktivste der Botschaft waren. Nun, wir wissen, wie sich die Sache weiterentwickelt hat und vor welchem familienpolitischen Trümmerhaufen wir heute stehen.

Als Biermann ein paar Jahre später ausgebürgert wurde, überraschte das wohl niemanden, am wenigsten wohl ihn selber. Wichtig für uns Fans war alleine, dass sein dreistündiges Konzert vollständig im öffentlich rechtlichen Fernsehen übertragen wurde, zur besten Sendezeit! Es war bewundernswert, wie ein Mensch alleine mit seinen Worten – ohne großes Klimbim herum – andere Menschen so lange unterhalten konnte, wir hangen regelrecht an seinen Lippen. Begeistert malte ich zur Erinnerung ein Bild von „Biermanns Rheinfahrt“, wir er mit einem Gitarrenpaddel durch die Wellen steuerte. Ich wollte es ihm eigentlich schicken, konnte seine Adresse aber nicht ermitteln.

Für mich war es ausgemacht, dass Biermann nun auch im Westen den Finger in die Wunden legen wird, doch Irrtum, es begann Biermanns großes Schweigen an den Fleischtöpfen. War dieses Schweigen Teil des Deals, den man mit ihm hatte oder waren seinen linken Aussagen niemals die seinen gewesen, war er einfach nur ein Schauspieler gewesen? Man hörte Biermann nicht mehr, weder zu Pershings noch dem Overkillkapazitäten, noch zu neokolonialen Kriegen des Westens. Einmal hieß es, Biermann habe bei der CSU in Wildbad Kreuth gesungen, was ich aber für Rufmord hielt. Als Biermann 2003 dann aber den verbrecherischen Krieg der Amis gegen den Iran befürwortete, ging mir eine Ahnung auf, wie wir naiven Westler verarscht worden waren. So wunderte es mich schon nicht mehr, wie Biermann in diesem Frühjahr den Provokateur Klitschko unterstützte. Klar, eine ähnliche Rolle hatte er schließlich auch einmal gespielt und ich wette, finanziert von denselben Auftraggebern. Nun sein heutiger peinlicher Auftritt im Bundestag, gerade eine Woche, nachdem der angepasste DDR-Pfarrer und heutige Bundespräsident Gauck seine Salven gegen einen möglichen linken Ministerpräsidenten geschickt hatte. Zufall? Nein. Diese Herrschaften arbeiten noch für dieselbe Firma und bekommen ihr Libretto geliefert. Der Überwitz am Rande: sowohl die Kanzlerin als auch der Bundespräsident sollen einmal informelle Mitarbeiter des Stasi gewesen sein. Biermann hätte also nicht nach Links polemisieren dürfen, sondern Richtung Regierungsbank.

Geiss Haejm