Nov 102014
 

Zum 25sten Jahrestag des Mauerfalls wurde der ehemalige DDR-Barde Wolf Biermann in den Bundestag geladen. Ich hatte ursprünglich vor, zu dessen peinlichen Auftritt ein paar Worte zu schreiben, habe mich aber entschlossen, den fälligen Nachruf auf diesen Sänger von der traurigen Gestalt lieber Herrn Haejm zu überlassen, der hierfür sowohl über die besseren Worte wie auch über die komplettere Perspektive verfügt.

Der Beitrag von Herrn Haejm kann auch auf dessen persönlicher Webseite eingesehen werden.  Es ist hier textlich unverändert, ich habe allerdings einige Passagen zur Illustration mit zusätzlichen Links unterlegt.

Ich weiß nicht genau, welches Gefühl dem Kollegen Wolf Biermann gegenüber vorherrschender ist, Berufsscham oder Mitleid. Das Fehlen von Zorn ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich, denn auf Biermann kann man sowenig böse sein, wie auf einen senil gewordenen Narren, der sich prostituiert. Wie soll man es nennen, wenn ein vor 38 Jahren aus der DDR ausgebürgerter Barde, die Abgeordneten der Linken im Bundestag – von denen die Allerwenigsten ein Alter oder eine Herkunft haben, die mit den Verhältnisse im erzwungenen deutschen Nachkriegssozialismus irgendetwas zu tun haben können – als „Brut“ jenes Drachen beschimpfte, gegen den er einmal angesungen hatte, was ihm offenbar eine lebenslange Alimentierung durch seine Auftraggeber eingebrachte.

Wolf Biermann, der „wahre Kommunist“, der sich in der Nachfolge eines Bert Brecht sah und 1953 aus freien Stücken in die DDR übergesiedelt war, um dem Sozialismus seine Talente zur Verfügung zu stellen, merkte wohl irgendwann, dass man nur durch Förderung der anderen Seite berühmt werden und seine Familie mit Kunst ernähren konnte. So begann – ich reime es mir zumindest so zusammen – vielleicht Anfang der Siebziger eine wirklich gutgemachte Inszenierung a la Hollywood, die einige wirklich gute Lieder hervorbrachte. Ich kann nur hoffen, dass wir nicht vollständig auf eine Schimäre und „Heiligenlegende“ hereingefallen sind. Im Gegenzug hat die SED übrigens auch gewiss ein paar linken Künstlern im Westen „unter die Arme gegriffen“, wenn auch mit bescheidenem Erfolg.

Als kritischer Barde, der seinen Platz zwischen den Parteien suchte, hattest du im Westen Null Chance. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich spreche. Die Medien taten im Westen, als gäbe es dich überhaupt nicht. Du mußtest entweder englisch singen oder dich zum Deppen machen, vom dem sich irgendein Verlag einen kommerziellen Erfolg versprach. Entweder du liessest dich zur musikalischen Ware degradieren oder du konntest durch Kleinkunstbühnen tingeln, die aber auch keine polischen Lieder wollten. Kritik war – wenn überhaupt – nur in homöopathischen Dosen oder in seichter Form als Klamauk erlaubt. Dies schreibe ich als Zeitzeuge den Nachgeborenen, die vielleicht meinen, im Westen hätte es die große Freiheit gegeben und im Osten nur Friedhofsruhe. Ein Beispiel, wie ich diese gekauften Medienaffen einmal austrickste: Zum Nürnberger Bardentreffen wurde ich 1984 eingeladen, weil ich im Jahr zuvor recht erfolgreich war. Da ich mich aber mit einem gestellten Foto in Lederhosen bewarb, suchte sich das Fernsehen mich zur Eröffnung aus und meine kritischen Lieder gingen live über den Sender, was so gar nicht der Spasserwartung der Medienleute entsprach, sie haben mich nie mehr eingeladen. Eine stundenlange Fernsehausstrahlung eines ganzen Konzertes dagegen, wie bei Biermann, wurde als Propagandashow von ganz oben angeordnet, es hat derartiges weder zuvor noch danach noch einmal gegeben.

Im Westen revoltierten die Studenten gegen die alten Nazis an den staatlichen Führungsstellen, gegen den Völkermord der Amis in Vietnam, gegen den Mörderschah aus Persien, gegen die Verlogenheit und Verkrustung des kapitalistischen Systems. Es war die Zeit der 68iger Revolte, des Flower Power, von Black Power. Die Köpfe waren voll revolutionärer angloamerikanischer Musik, wobei ich hier revolutionär im musikalischen Sinn meine, auch wenn Songtitel wie „Masters of War“, „Universal-Soldier“ und „Streetfighting-Man“ die Ohren besetzten. Mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR hatten die Unzufriedenen nichts am Hut, denn auch sie waren Kinder Springers und Hollywoods. Doch darauf wollten sich die Schlapphüte des Westens lieber nicht verlassen und so machten sie an tausend Fronten der DDR das Überleben so schwer wie möglich. Dies einmal im Einzelnen aufgelistet zu bekommen, können wir wohl nur erhoffen. Für die arbeitenden Massen genügte zur Verdummung die Springerpresse und die drei öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle. Für die Studenten mußte noch etwas Intelligenteres dazu kommen. Da kam wohl der erfolglose kommunistische Träumer Wolf Biermann gerade recht, der gerne den Eindruck erweckte, er sei ein wahrer Linker und kein so rotgeschrubbter Hintern „mit Stalins hartem Besen, dass heute rot der Hintern ist, der früher braun gewesen…“. So wurde er zu einer Identifikationsfigur für die westlichen Protestierer und verhinderte, dass diese an der DDR irgendetwas symphatisch finden konnten, was ja auch wirklich nicht leicht war, denn wer versehentlich, etwa bei den Nachrichten eines Ostsenders hängenblieb, der hatte leicht seinen sprachlichen Schock fürs Leben. So nahm man Biermann gerne ab, dass er sich als intelligenter Mensch vor einem solchen langweiligen und todernsten System nur verfolgt fühlen konnte. So fiel seine Suggestion, er würde nach wirklichem Sozialismus streben, also nach einer gerechten Gesellschaft, ohne spießigen DDR-Mief, bei vielen von uns auf fruchtbaren Boden. Eine der Strophen in seinem großen Fernsehkonzert 1976 war: „wir brauchen eine KP, wie ich sie wachsen seh, unter Italiens Sonnenschein: so soll es sein“. Auch wer kein Linker war stimmte da gerne zu, denn eine solche weltoffene KP würde unserem Land auch guttun.

Diese naive Hoffnung, die wir mit Biermann verbanden, kann auch ein wenig als Entschuldigung dafür gelten, dass uns seine manchmal sehr affektierten Reime und seine übertriebene Pose nicht abschreckte. Oder die Existenz eines so schwachsinnigen Liedes wie das Familienbad, in der sich ein Spießbürger in der Badewanne in einen blutrünstigen Hai verwandelt. Mir missfiel dieses Lied sehr und brachte mich in Distanz zu Biermann, das war etwa 1970. Doch Freunde führten mich immer wieder an Biermanns andere Lieder heran, etwa „Soldat, Soldat“ oder geniale Sätze wie: „Wohlstand wollen wir gerne anstatt, dass uns am Ende der Wohlstand hat“, oder „..und Frieden ist uns nicht mehr nur ein Wort aus Lügnerschnautzen für Massenmord“, oder: „Freiheit von Freiheitsdemagogie“ oder „auch Liberale werdn wir befreien…“. Dann gab es da aber auch Strophen, die ich als egoistische linke Spinnerei abtat, etwa: „Kein Paar wird uns mehr geschasst, zu lebenslänglichem Eheknast…“. Da hatte ich einen unendlich konservativeren Ansatz, denn in einer Zeit in der die Familien zerfielen und Kinder und Alte die Leidtragenden waren, hasste ich solche linken Phrasen, die aber vermutlich für nicht wenige Hörer das attraktivste der Botschaft waren. Nun, wir wissen, wie sich die Sache weiterentwickelt hat und vor welchem familienpolitischen Trümmerhaufen wir heute stehen.

Als Biermann ein paar Jahre später ausgebürgert wurde, überraschte das wohl niemanden, am wenigsten wohl ihn selber. Wichtig für uns Fans war alleine, dass sein dreistündiges Konzert vollständig im öffentlich rechtlichen Fernsehen übertragen wurde, zur besten Sendezeit! Es war bewundernswert, wie ein Mensch alleine mit seinen Worten – ohne großes Klimbim herum – andere Menschen so lange unterhalten konnte, wir hangen regelrecht an seinen Lippen. Begeistert malte ich zur Erinnerung ein Bild von „Biermanns Rheinfahrt“, wir er mit einem Gitarrenpaddel durch die Wellen steuerte. Ich wollte es ihm eigentlich schicken, konnte seine Adresse aber nicht ermitteln.

Für mich war es ausgemacht, dass Biermann nun auch im Westen den Finger in die Wunden legen wird, doch Irrtum, es begann Biermanns großes Schweigen an den Fleischtöpfen. War dieses Schweigen Teil des Deals, den man mit ihm hatte oder waren seinen linken Aussagen niemals die seinen gewesen, war er einfach nur ein Schauspieler gewesen? Man hörte Biermann nicht mehr, weder zu Pershings noch dem Overkillkapazitäten, noch zu neokolonialen Kriegen des Westens. Einmal hieß es, Biermann habe bei der CSU in Wildbad Kreuth gesungen, was ich aber für Rufmord hielt. Als Biermann 2003 dann aber den verbrecherischen Krieg der Amis gegen den Iran befürwortete, ging mir eine Ahnung auf, wie wir naiven Westler verarscht worden waren. So wunderte es mich schon nicht mehr, wie Biermann in diesem Frühjahr den Provokateur Klitschko unterstützte. Klar, eine ähnliche Rolle hatte er schließlich auch einmal gespielt und ich wette, finanziert von denselben Auftraggebern. Nun sein heutiger peinlicher Auftritt im Bundestag, gerade eine Woche, nachdem der angepasste DDR-Pfarrer und heutige Bundespräsident Gauck seine Salven gegen einen möglichen linken Ministerpräsidenten geschickt hatte. Zufall? Nein. Diese Herrschaften arbeiten noch für dieselbe Firma und bekommen ihr Libretto geliefert. Der Überwitz am Rande: sowohl die Kanzlerin als auch der Bundespräsident sollen einmal informelle Mitarbeiter des Stasi gewesen sein. Biermann hätte also nicht nach Links polemisieren dürfen, sondern Richtung Regierungsbank.

Geiss Haejm

  34 Responses to “Der peinliche Bier-Wolf im Bundestag”

  1. „Der Überwitz am Rande: sowohl die Kanzlerin als auch der Bundespräsident sollen einmal informelle Mitarbeiter des Stasi gewesen sein.“

    In bester Wikipedia-Tradition: Citation needed. Was soll denn, am Ende eines wirklich treffend analysierten Essays, so eine dämliche Verschwörungstheorie?

    • Ich schlage vor, du wendest dich diesbezüglich an den Autor. Grundsätzlich bezweifle ich aber, dass es sichere, zugängliche Quellen gibt, die IM Erika und IM Larve eindeutig existierenden Personen zuordbar machen.
      Ich wollte am Artikel nicht herumkürzen, weswegen ich dies dem Orginal entspechend belassen habe.

      • Jau, den Zweifel teile ich auch.

        Na ja, immerhin sind von Biermann ein paar mundorgelgeeignete Lieder übrig geblieben, sowie die Gewissheit, dass die Zeit der großen sozialkritischen Sänger nicht wieder zurückkommt. Wader, Mey oder auch Biermann sind heute in der Form kaum mehr denkbar, und der Auftritt im Bundestag war Selbstdenkmalsdemontage.

        Und Kreisler ist auch schon tot. Schade eigentlich.

    • inwiefern ist die Formulierung: »[…]sollen gewesen sein[…]« verschwörungstheoretisch?
      viel interessanter ist für mich der Schluß, daß

      »[…]die Allerwenigsten ein Alter oder eine Herkunft haben, die mit den Verhältnisse im erzwungenen deutschen Nachkriegssozialismus irgendetwas zu tun haben können[…]«

      nichtsdestoweniger der (mehrfach umbenannten, aber dennoch ungewandelten) Mauermörderpartei angehören; gewissermaßen die Brut der roten Variante vom
         Schoß, der fruchtbar noch,
         aus dem das kroch.

      ich habe wegen dieser Verbrecher im Stasiknast gesessen, und von denen hat noch keiner bei mir geklopft und um Verzeihung gebeten, nur einer, der mittels seiner Sucht erpreßbar war und schwach genug, sich erpressen zu lassen;
      darum nein, kein Vergeben, kein Vergessen!

      wenn auch Biermann als Person vielleicht nicht integer war, so legte er doch den einen oder anderen Finger auf die eine oder andere schmerzende oder schwärende Wunde, wie dieses. Er war wichtig. zumindest eine zeitlang…

      • Und woher willst du wissen, dass deine Verbrecher nicht mittlerweile ein CxU-Parteibuch haben? 😉

        • einige haben es, einige tarnten sich mit den drei blauen Punkten oder dem »S«, welche wechselten (im Auftrage der Dienste, angeblich) zur N*D, einige sagten, daß nicht alle so waren, und das man das alles ja gar nicht wissen konnte, und das es ja gaaanz anders gemeint gewesen sei – irgendwie Autobahn, dieses »nicht alles schlecht«-Gewäsch, nicht?
          bei mir jedenfalls bleibt ein ekler Beigeschmack!

        • entschuldigung Helge, aber diese Antwort ist nievaulos und einfach fehl am Platz.

          • Bitte begründe deine Meinung.

          • Suplicium,
            wessen Antwort, meinen Sie, mangele es an Niveau?
            ich habe die Klarnamen »meiner« Stasischweine, und ich weiß über deren Nachwendeweg bestens bescheid.
            wissen Sie, wovon Sie sprechen?
            gehören Sie dieser Politabenteurersekte an?
            gehören Sie gar zur ahnungslosen Nichterlebnisgeneration wie Julia Bonk, ihres Zeichens »alle Drogen freigeben«-Propagandistin?

            Ja, wenn’s um diese ewiggestrigen Betonkopf-Stalinisten geht, reagiere ich gereizt, und nein, ’s tut mir nicht leid!
            Diese Politgangster haben meiner Mutter, mir, meiner Frau, meiner Schwester das Studium verweigert, im beruflichen Werdegang ständig Steine in den Weg gelegt, sie schreckten nicht einmal davor zurück, Fahrzeuge zu manipulieren, zB Bremsanlagen zu beschädigen – aus meiner/unserer Akte belegbar.

            Lenin machte aus dem Lumpenproletariat Kommunisten, und wenn der Rote Lack ab ist, bleibt eben das zurück: Lumpen!

          • Eigentlich müßte nach deiner Logik ein „Lumpenproletariat“ zurückbleiben, aber diese Sichtweise ist schlichtweg zu einfach. Menschliche Schweine sind, wenn man denn unbedingt in Klassen denken möchte, auch über diese durchweg gleich verteilt. Und jemand, der clever ist und dem Eigennutz vor Gemeinnutz geht, kann es in jedem System auf dem Rücken von anderen zu etwas bringen, wie man an Herrn Gauck unschwer erkennen kann. Wußtest du eigentlich, dass man den Mann richterlich bestätigt als „durch die Staatssicherheit Begünstigter im Sinne des Stasiunterlagengesetzes“ bezeichnen darf?

          • da das rotlackierte L~ einen wenngleich bloß äußerlichen Aufstieg zurückgelegt hat, bei dem das Proletarische auf der Strecke blieb, sind nach dem Abbeizen nurmehr Lumpen übrig – insofern ist das Bild schon richtig, und natürlich muß ich für die Klientel, die unreflektiert »nievaulos« schreit, schlicht argumentieren, und nein, ich sprach nicht von »menschlichen Schweinen«, sondern von Charakter- & Gesinnungslumpen, und Sie haben natürlich recht: mit meiner Formulierung habe ich die durchaus sozialen und reinlichen Schweine mit Brudermördern* und Vaterlandsverrätern gleichgesetzt und somit beleidigt.

            Gauckler, gleich welcher Couleur, gehören zu den Unehrlichen Berufen, und jedes Wort ist vergebens;
            · er wurde nicht gewählt, sondern ernannt;
            · er vertritt nicht das Volk (schon gar nicht das deutsche), sondern das BRd;

            – zu jenem und seinesgleichen fand ich mal beim PüschelHans einen schönen Kommentar zum Höchsten Orden, Den Das Volk Verleihen Kann: den Eisernen Laternenpfahl Am Hanfenen Halsbande, auch sizilianische Krawatte genannt.
            Die erfolgreiche Verleihung kann mit sizilianischen Schuhen beschleunigt werden 😀

            *natürlich nur im übertragen-symbolischen Sinne gemeint, nicht im wörtlichen!

  2. Der Artikel bezeugt vorallem eines. die (verletzte) Eitelkeit dieses Herrn Haejm.

    • Konnte ich so nicht feststellen. Woran machst du das fest?

      • Er ist der kritischere Liedermacher, und hatte nur deshalb keinen nachhaltigen Erfolg, weil die pösen Medien ihn gedisst haben? Ich bitte dich!

        • Nein, keiner der kritischen Liedermachen im Westen hatte nachhaltigen Erfolg. Und auch nicht weil sie gezielt „gedisst“ wurden, sondern nur, weil sie schlicht und einfach keine mediale Beachtung erfuhren. So funktioniert unsere Medienlandschaft nun mal.

          • Ich kenne Haejms Werke nicht, aber sind die denn so gut wie ein mittelguter Auftritt von Wolf Biermann? (Habe gerade wieder die „Ballade vom Kameramann“ gehört, und es läuft mir noch nach Jahrzehnten kalt den Rücken herunter (abgesehen von der Aussage kann Biermann auch noch großartig Gitarre spielen)

          • Ich habe Haejm nicht singen gehört, aber ich empfand seinen Nachruf als ehrlich und authentisch. Das ist natürlich eine rein subjektive Einschätzung meinerseits.

          • (Edit Helge: Kommentar gelöscht wg. Diffamierung)

        • Nein. Er hatte wohl nur deswegen keinen ´Erfolg´, weil sich mit seinen Texten sicher nicht so gut Geld verdienen ließ wie mit den Texten des ´Wolfes´. 😉

          • So unbeliebt war Pinochet in Deutschland-West, insbesondere bei der Regierung, aber auch nicht, das man mit Liedern wie dem oben genannten (http://www.youtube.com/watch?v=Ktwx6GG4QxQ) gut Geld verdienen konnte. Wolf Biermann hat einfach gute, etwas pathetische, aber umso authentischere Lieder gemacht. Der war keiner, der nur den Konvertiten gepredigt hat, der war einer, der meinen politischen Standpunkt erst gebildet hat.

  3. Eigentlich habe ich diesen Artikel in der Erwartung gelesen, dass es sich hierbei um Kritik an der Einladung Wolf Biermanns in den Bundestag handelt, allerdings stieß ich nur auf eine mit unsachlichen Argumenten versehene Biografie des Liedermachers. Zunächst einmal die Einleitung in das Thema mit dem Vergleich Biermanns mit einem „senil gewordenen Narren, der sich prostituiert“.
    Darauf folgt dann direkt das (sehr) stark gekürzte Zitat des Liedermachers bezogen auf die „Brut“ des Drachen, gegen den er mal angesungen hat, natürlich ohne jeden Bezug auf die Argumente der Gegenseite. Dass Biermann die Linken als „Brut“ bezeichnete, mag vielleicht stark übertrieben sein, aber dennoch sollte man dabei auch vor Augen haben, dass die Linken kürzlich nur sehr widerstrebend die DDR als Unrechtsstaat bezeichneten und dies für einen Zeitzeugen, der die Zustände selbst miterlebt hat, eine ganz andere Gewichtung hat.
    „Im Gegenzug hat die SED übrigens auch gewiss ein paar linken Künstlern im Westen „unter die Arme gegriffen“ […].“ Danach keine Belege, keine Verweise, nur das Wort „gewiss“, das den Verdacht hervorruft, dass dies lediglich eine Vermutung des Autors darstellt und keine sachlich begründete Tatsache.
    Nach einem Abschweifen zum eigenen Lebenslauf des Herrn Haejm geht es dann endlich zum eigentlichen Thema zurück. Da werden dann wieder ein paar Argumente ohne historische Bezüge in den Raum geworfen: „[Der Westen] machte[…] an tausend Fronten der DDR das Überleben so schwer wie möglich.“ Keine geschichtlichen Beispiele, keine weiteren Ausführungen.
    Auch danach meidet der Autor nach wie vor konsequent jegliches Gegenargument, das man als reflektierte Person entkräften könnte.
    Und weiterhin nicht der geringste Bezug auf seinen Auftritt in dem Bundestag. Vielmehr der mit rhetorischen Figuren untermalte, klägliche Versuch, Biermann so unseriös wie möglich darzustellen, sei es anhand eines „schwachsinnigen Liedes“ oder seiner Ausbürgerung.
    Einen Abschluss findet das Ganze dann in einer Verschwörungstheorie von mysteriösen „Auftraggebern“ und dem Präsidenten Gauck, gefolgt von dem in den Raum gestellten Verdacht, dass der Bundespräsident und die Kanzlerin IMs der Stasi waren, wie gewohnt ohne jegliche Verweise oder Bezüge auf Dokumente, die dies untermauern.
    Es wundert mich wirklich, warum auf dieser Plattform in letzter Zeit so viele politische Themen so einseitig behandelt werden.
    Vielleicht ja eine Verschwörung?

    • Bitte definiere doch mal den Begriff „Unrechtsstaat“. Ach, der ist gar nicht definiert? Das würde ja bedeuten, dass jeder etwas völlig anderes darunter verstehen kann.

      Bezüge zum Auftritt im Bundestag sind nebenbei durchaus vorhanden. Siehe die von dir erwähnte „Drachenbrut“.

      Herr Haejm hat in seinem Blog seine Sicht der Dinge gepostet. Auf mich wirkt sie authentisch. Man kann natürlich im Biermann, dessen Auftritt im Bundestag hochgradig widerwärtig wirkte, gerne auch einen aufrechten Widerstandskämpfer und im Gauck einen noch aufrechteren Bürgerrechtler sehen wollen, aber ganz ehrlich, dazu müßte man schon eine verdammt rosarote Brille aufsetzen.

    • Die IM-Vorwürfe gegen Merkel und Gauck sind ebenso altbekannt wie unbelegt, und für mich fallen sie in eine ähnliche Kategorie wie die „Birther“-Vorwürfe gegen Obama – Verschwörungsgeschwurbel. M.E. muss man sowas nicht unbedingt mal wieder hochkochen, wenn man eigentlich Biermanns bizarren Auftritt kommentieren will.

      Nicht dass Frau Kanzlerin und Herr Präsident weiße Westen hätten. Um Himmels Willen, nein.

  4. die Bunte Kanzlerin und der Bunte Präsident haben nicht nur einmal die migrantischen Fachkräfte, die beim Bunten U-Bahntreten aufgefallen sind, verteidigt. das sagt genug, ja, mehr als genug. insofern sind mir deren anderweite Ambitionen vergleichsweise wurscht; meinethalben dürfen sie zu Schabbes in der Synagoge ihrem Jehovah huldigen, bei Vollmond auf dem Kirchhof schwarze Kerzen entzünden oder unter Absingen fröhlicher Liedlein Voodoorituale zelebrieren, anyway…

    aber natürlich muß man das immer wieder hochkochen, vor allem außerhalb jegliches Kontextes, weil man sonst in den Geruch des Verharmlosens, Relativierens, ja geradezu des Leugnens gerät 😀

    BBB = Biermanns Bizarrer Buntestagsauftritt – das könnte eine Marke werden 😀 😀 😀

    Verschwörungstheorien hin, Paragraphen her – das mit dem weißen Westen hat angesichts des Geburtsortes der Bunten Kanzlerin schon ein Gschmäckle 😀

  5. zu @anonymus:
    Ich bin der Autor des Kommentars, an dem dir so vieles nicht gefällt und verstecke mich – anders als du – hinter keinem Pseudonym. Mein Text zu Biermann hat sich entwickelt und manches ist mir erst nach und nach klar geworden. Würde ich ihn neu schreiben, änderte sich vor allem mein Einstieg, denn meine Gleichmut gegenüber einem zeitweise sehr geschätzen Kollegen – ich hätte ihm wohl auch sonst 1976 aus echter Begeisterung auch kein so verherrlichendes Bild gemalt – ist mittlerweile von Zorn verdrängt worden. Ich sehe Biermanns Auftritt im Bundestag als nichts weniger als eine Ungeheuerlichkeit an. Da werden Linke von einem einst oberlinken Guru, der uns allen über Jahre ein übles Theater vorgespielt hat, massivst beschimpft. Und am Ende soll die Kanzlerin, die zumindest eine angepasste DDR-Karrieristin und damit dem von Biermann so verachtetem System nicht weniger verbunden war, als vielleicht Einzelne aus der Linken Fraktion, dem groben Reichstagsclown sogar zugeeilt sein und ihm auf die Schulter geklopft haben. Das ist einfach nur ein Skandal, Kumpanei, ein Schmierenstück. Eigentlich hätten Merkel und Lammert ans Rednerpult treten müssen und sich für den Lümmel entschuldigen. Übrigens, wenn die Meldungen im Netz von der informellen Arbeit für die Stasi im Fall der Kanzlerin und des B-Präsidenten nicht stimmen sollten, dann wären sie Rufmord und beide würden sich wohl dagegen zur Wehr setzen. Ich habe dazu keine eigenen Erkenntnisse.
    Zum Schluß, lieber Anonymus: Die Unterstellungen ich würde mich aus irgendwelchen Konkurrenzgründen aufspielen wollen, ist einfach nur schäbig und typisch für PR-Leute, wenn sie von etwas ablenken wollen. Die Kritik an Biermann mußte nach meinem Verständnis ein Kollege schreiben, günstigerweise einer, der sich als Barde nie prostituiert hat.

    • ein Ex-Kommunist hat sich vor einer Ex-FDJ-Sekreteuse prostituiert, und der Skandal besteht darin, daß ein *** gemeinsam mit einer *** die ***l in einer *** als *** bezeichnet hat – was kümmert’s die Eichen, daß sich ein bierseliger Wolf an deren Borke den Rücken schubbert: who cares?

      (Edit Helge: Habe deine Derogative komplett unter Asterisken verstaut. Du hattest das offenbar nicht ganz hinbekommen. Versuch in Zukunft aber bitte sachlich zu bleiben ohne unzulässige Verallgemeinerungen.)

    • Lieber haejm geiss,
      Ich gebe dir vorbehaltlos recht. „Anonymus“versteht nicht, dass eine Kritik an der Person Biermann zugleich eine Kritik an seinem Auftritt im Bundestag ist.Denn die Person Biermann kann man von seinen Aussagen und eitlem, selbstgefaelligem und verlogenem Verhalten nicht trennen.
      Ich habe, mit Verlaub, „Arschloch Biermann“ persoenlich kennen gelernt.Das war lange nach dem Mauerfall, als er Sascha Anderson oeffentlich und publikumswirksam im Fernsehen als „Arschloch“ betittelte. Zwar ist richtig, dass Anderson, den ich auch kenne, ein Stasi-Zutraeger war, doch legitimiert das keinen oeffentlichen Rufmord, wie es die alten Hasen aus der DDR gerne haetten, die darueber greinen, dass sie ihrem Beruf nicht nachgehen durften.
      Das durften viele Buerger der BRD auch nicht, wenn sie etwa in der (nicht verbotenen!) kommunistischen Partei waren. Die SPD hatte ja unter Brandt alle mit linker Gesinnung mit Berufsverbot belegen lassen. Also sollte man das unreflektierte Greinen ueber den „Unrechtstaat DDR“ mal huebsch lassen.
      Doch zurueck zu Biermann, der bei uns im Berliner Schriftstellerverband oefter zu Besuch war, und er stellte sich jedesmal vor mit den ewig gleichen peinlichen Worten „Ich habe zufaellig meine Gitarre dabei“.
      Ach. Wer haette das gedacht?

      Dann, wie gesagt, lange nach dem Mauerfall, erzaehlte er, wie er das kommunistische Kuba besucht hatte und er von den „Genossen“ (woertlich) viel lernen konnte. Das bedeutet, er war -obwohl Jahre in der BRD- im Herzen weiterhin Kommunist. Zum Kommunistenfresser mutierte er erst,als er merkte, dass er damit (und mit nichts anderem!) in die Schlagzeilen kommt. Biermanns Identitaet stuetzt sich ja einzig und allein auf den verbalen Widerstand
      gegen die DDR, also g e g e n etwas, aber nicht fuer etwas, was er fuer anstrebenswert haelt. Nur Beissen, Gehaessigkeit und Klaeffen. Nichts positives.

      Er hatte also „zufaellig“, wie das bei egozentrischen Personen immer zufaellig ist, seine Gitarre dabei.
      Und er sagte: ich habe bei den Genossen in Cuba viel gelernt.Unter anderem dass es auch ein „revolutionares Schweigen“ gibt, denn ein wirklicher Revolutionaer kenne viele Arten des Schweigens. Sagte Biermann, unser Kommunistenfresser.
      Und er sang das Lied vom schweigendem Revolutionaer, der stets zur rechten Zeit schwieg, auf jeweils andere Weise, und dieses Schweigen aufschrieb, also sammelte.

      Nach dem er fertig war,konnte ich mir ums verrecken nicht verkneifen, ich sass direkt neben ihm, zu sagen „ach die Geschichte kenne ich, das hatte schon Heinrich Boell beschrieben, in „Dr.Murks gesammeltes Schweigen“.

      Es entstand eine peinliche Stille, Bierman im Schriftstellerverband, unter allen Kollegen, entlarvt als Plagiator. Und dann blickte er mich an, und, ich schwoers, selten jemanden so gehaessig erlebt, sagte er: „Ist aber schoen dass du das weisst!“.

      Der Biermann-Abend war hinueber.

      Siehst du lieber Kollege, so ist er. Er verkauft sich, wo er immer nur kann und nach dem Mauerfall waren es noch seine revolutionaeren Genossen und heute ist es die Drachenbrut. So heuchlerisch ist dieser Mann.
      Passt zu Merkel und Gauck wie die Faust aufs blaue Auge.

    • Wo ich dich gerade einmal hier sehe, nehme ich doch gerne Helges Vorschlag einmal an:

      Wozu der Brückenschlag von Biermann zu den Stasi-Vorwürfen gegen Kanzlerin und Bundespräsident? Die „Enthüllung“ am Ende setzt deinen ganzen vorherigen Essay in den Ruch einer kaum belegbaren Verschwörungstheorie. Ist es das wert?

      • Dass Merkel und Gauck keine Opfer waren, sondern im System gut integriert, ist aber hinlänglich bekannt, ebenso wie die Tatsache, das Gauck als Rostocker Statdtpfarrer besonders während des Kirchentags 1988 bereitwillig und erfolgreich mit den Behörden, eben auch der Stasi zusammengearbeitet hat. Davon abgesehen war Merkel FDJ-Sekretärin, also auch noch ausführendes Organ des Systems in Leitungsfunktion. Der Schluss, dass sie in dieser Funktion auch informelle Zuträgerin für die Stasi war, liegt da nahe, wenn man weiß, dass das eher die Regel als die Ausnahme in der DDR war (siehe auch Dieter Althaus, der als stellvertretender Schulleiter immer die Faust in der Tasche geballt und ansonsten gut mit der Stasi zusammengearbeitet hat, da dass seine Aufgabe als stellvertretender Schulleiter war).

        Davon abgesehen: ganz egal, ob Merkel und Gauck wirklich IMs waren oder nur „immer mal“ in ihren Funktionen mit der Stasi zusammengearbeitet haben (in Gaucks Fall zumindest auch nachgewiesenermaßen), die Heuchelei, die die DDR-Vergangenheit von konservativen Entscheidungsträgern in diesem Land umgibt, ist kontraproduktiv und ungerecht und wenn es Biermann um die Sache ginge, um Ungerechtigkeit und um Aufklärung, dann hätte er sich umgedreht und der Regierungsbank ein Ständchen gesungen. So hat er sich einmal mehr als gehässiger, rachsüchtiger alter Mann ohne echte Überzeugungen zum Narren gemacht. Und das ist peinlich.

        • Gauck und seine eher unpolitische, weggeduckte Haltung sind für einen angeblichen Bürgerrechtler in der Tat kritikwürdig, und über die Ost-CDU und die schmerzlose Integration der ehemaligen „Blockflöten“ in die Partei Helmut Kohls darf man heute auch staunen.

          Nur: Den impliziten Vorwurf, Biermann sei Teil einer Verdunklungskampagne mit dem Ziel, der heutigen PDS (die zu einem guten Teil aus frustrierten Ex-SPDlern besteht) die alleinige Nachfolge des alten SED-Kaderdenkens anzulasten, halte ich für abenteuerlich. Für Biermann gilt eher das alte Bibelwort „denn sie wissen nicht, was sie tun“; Kanzlerin und Präsident werden sich stillvergnügt gefreut haben. Aber als Anstifter kommen sie IMO nicht in Frage. Sein eigenes Denkmal demontieren kann Wolf Biermann auch alleine.

    • Nu sach mir nicht, das „geiss haejm“ dein richtiger Name ist!?

      Ein PR-Mensch bin ich nicht, nur eine lohnabhängige Altenpflegerin, weshalb ich mein Pseudonym gerne beibehalten möchte. Ich nehme deine Aussage, das es dir nicht um Konkurenzdenken ging, gerne zur Kenntnis. Es war nur mein persönlicher Eindruck.

  6. Achtung, der Kommentar ist nicht direkt auf das vorgestellte Thema (Biermann etc) gezielt. Und auch nicht direkt auf die vorangegangenen Kommentare.

    Für mich ist, 25 Jahre danach, immer noch interessant, in welchem zeitlich zusammenpassendem Rahmen (heutzutage, aller vier Jahre etwa …), das Thema ´DDR´ neu ausgegraben wird. Mit immer neuen, und denselben, Worthülsen gefüllt wird. Und, verzeiht mir, grundsätzlich nur alles als negativ anzuschauend dargestellt wird.
    Das langweilt, nicht nur die aktuellen Schülergenerationen.
    Und je öfter nur das Wort ´Unrechtsstaat´ verwendet wird, stellt man mit der Zeit den Wahrheitsgehalt dieser Aussage in Frage.
    Genauso wie alles Andere, in diesem Zusammenhang.
    „Wenn man von seinem Feind gelobt wird, dann …“
    (hier steht natürlich im speziellen Fall die Frage, wer wessen Feind sei – ob man sich nur wegen scheinbar gegensätzlicher Meinungen und Auffassungen, als Feind ansehen muß)

    Und letztlich steht noch die Frage für was man, oder in dem Fall Biermann, sich instrumentalisieren läßt. Sich selbst darstellend, das Thema in der eigenen Person instrumentalisiert.
    Wie glaubhaft ist oder bleibt man dann?

    Wahrheiten können zu Lügen werden … „Lügen werden zu Wahrheit, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Oder wenn man sie glauben will.
    Eine Frage dazu, aus welchem denkenden Hintergrund heraus entstand dereinst die sogenannte „Edelweißjugend“?
    (geb zu, das ist länger her, aber wiederholt sich Geschichte nicht doch …)

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